1. Petrus 2,6–7 Jesu Tod am Kreuz – eine Gnade
Bibeltext (BasisBibel)
6 Deshalb heißt es in der Heiligen Schrift: »Seht, ich lege auf dem Berg Zion einen ausgewählten, kostbaren Grundstein. Wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen.« 7 Für euch ist er kostbar, weil ihr an ihn glaubt. Aber für diejenigen, die nicht an ihn glauben, gilt: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Grundstein geworden.
Predigt
Letzten Sonntag haben wir uns ein Gleichnis angesehen, welches Jesus erzählt hat (Markus 12,1–12). Dieses Gleichnis fasst die Geschichte Israels aus der Sicht Gottes zusammen. Die führenden Menschen in Israel haben oft vergessen, dass das Land Gott gehört, und dass sie selbst in der Rolle von Pächtern sind. Als Eigentümer des Landes darf Gott erwarten, entsprechend geehrt zu werden. Das war die Botschaft zahlreicher Propheten, die Gott zu seinem Volk gesandt hat. Am Ende sendet Gott seinen Sohn, in der Hoffnung, dass er mehr geachtet werden wird als vorher die Propheten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die führenden Menschen in Israel töten den Sohn. Das Gleichnis endet mit der Ankündigung, dass Gott als Besitzer die treulosen Pächter zur Rechenschaft ziehen wird.
Das Gleichnis, welches wir uns letzten Sonntag angesehen haben, beinhaltet ein Zitat aus Psalm 118,22. Derselbe Vers aus Psalm 118 wird auch im ersten Petrusbrief zitiert, und dort mit einem Zitat aus dem Buch Jesaja kombiniert (Jesaja 28,16). Gemeinsam ergeben sie den eingangs vorgelesenen Text.
Es lohnt sich, Psalm 118 vollständig zu lesen. Der Text dieses Psalms beginnt und endet mit einem Hinweis auf Gottes Güte:
Dankt dem Herrn! Denn er ist gut. Für immer bleibt seine Güte bestehen. (Psalm 118,1.29)
Und Kapitel 28 im Buch Jesaja verweist auf den festen Halt, den der Glaube gibt:
Darum spricht Gott, der Herr: »Seht, ich lege auf dem Berg Zion einen Grundstein. Es ist ein besonders wertvoller Eckstein, der felsenfest ins Fundament eingemauert wird. Wer so fest vertraut, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. (Jesaja 28,16)
Wenn es im Alten Testament um Gottes Gnade und um seine Güte geht, dann lesen wir dies als prophetische Hinweise auf Jesus Christus. Damit gibt es also ein Bindeglied zwischen Psalm 118 und Jesaja 28, denn in beiden Texten leuchtet Jesus Christus auf. Eine zusätzliche Verbindung ist natürlich die Tatsache, dass beide Texte von einem Stein sprechen.
Als Jesus am Ende seines Gleichnisses Psalm 118 zitiert, nimmt er nicht nur den Satz von dem Stein, den die Bauleute verworfen haben. Jesus nimmt auch noch den nächsten Satz mit hinzu, der von einem Wunder spricht:
Vom Herrn wurde dies bewirkt. Es ist ein Wunder in unseren Augen. (Psalm 118,23)
Jesus zeigt uns also, dass aus der Katastrophe seines Todes etwas Neues, etwas Wunderbares entstehen wird. Dieses Neue wird vom Herrn bewirkt – Gottes schöpferisches Handeln wird also zu sehen sein. Damit öffnet Jesus uns eine Perspektive der Hoffnung. Wenn wir den Psalm 118 ganz lesen, dann entdecken wir, dass er von der Freude über Gottes Handeln durchdrungen ist.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, wird zum Zeichen der Hoffnung und zum Anfang eines neuen schöpferischen Handeln Gottes. Am Ende seines Gleichnisses spricht Jesus aber auch davon, dass der Besitzer des Weinbergs kommen und die bösen Pächter zur Rechenschaft ziehen wird (Markus 12,9). Bei Matthäus (Matthäus 21,33–46) und Lukas (Lukas 20,9–19) kombiniert Jesus deshalb das Zitat aus Psalm 118 mit einem Gedanken aus dem Buch Daniel: Der Stein wird Menschen zerschmettern. (Daniel 2,45)
Hier möchte ich heute noch einmal einhaken und den Schwerpunkt setzen. Ja, Jesus kündigt hier Gericht an. Die bösen Pächter des Weinbergs werden zur Rechenschaft gezogen. Der Stein wird Menschen zu Fall bringen. Der Stein wird Menschen zerschmettern. Trotzdem sind diese Gerichtsworte nicht ohne Hoffnung. Denn die Möglichkeit des Glaubens und der Rettung bleibt bis zum Ende bestehen. Menschen können immer noch umkehren.
Was ist denn tatsächlich geschehen, nachdem Jesus das Gleichnis erzählt hatte? Jesus ist getötet worden. Dann ist Jesus von den Toten auferstanden. Diese Gute Nachricht wurde anschließend in Jerusalem gepredigt. Viele der Priester kamen zum Glauben an Jesus Christus (Apostelgeschichte 6,7). Allen Menschen in Jerusalem wurde das Evangelium angeboten (z.B. Apostelgeschichte 2,39; 3,19–26 u.a.m.).
Wir sehen dieses Muster bereits im Alten Testament. Gott kündigt an, Israel für seinen Ungehorsam zur Rechenschaft zu ziehen – aber dann lässt Gott sich recht lange Zeit, bis am Ende dann doch das angedrohte Gericht eintrifft. Und worin besteht das Gericht? Es ist ein Exil, aus dem das Volk nach vielen Jahrzehnten wieder zurückkehren kann. Das Gericht Gottes ermöglicht dem Volk Israel am Ende also einen Neuanfang.
Der Text aus dem ersten Petrusbrief zeigt uns: Gott schafft aus der Katastrophe einen Neuanfang. Menschen haben Jesus am Kreuz hingerichtet. Jesus ist ein victim geworden, ein unschuldiges Opfer. Aber dann nimmt Gott diesen Mord und macht daraus etwas ganz Neues: Aus dem victim wird ein sacrifice – ein Opfer, das etwas bewirkt. Der Tod von Jesus war nicht vergeblich. Gott schafft etwas völlig Neues aus dieser Situation. Deshalb sehen wir in dem Tod von Jesus am Kreuz das Opfer, welches unsere Schuld beseitigt.
Nun kann man sich natürlich fragen: Wer braucht eigentlich ein Opfer? Warum war es so wichtig, dass Jesus für unsere Schuld am Kreuz starb?
Wenn wir das Alte Testament aufmerksam lesen, entdecken wir: Die ersten Opfer, von denen wir lesen, waren die Idee von Menschen. Gott hatte diese Opfer nicht angeordnet. Kain und Abel opferten Gott etwas. Noah opferte Gott, nachdem er die Arche verlassen konnte. Gott hat jeweils auf den Menschen gesehen, und auf die Einstellung dieses Menschen. Aber der Gedanke, ein Opfer zu bringen, scheint ein Urbedürfnis des Menschen zu sein.
Erst später greift Gott dieses Bedürfnis auf und gibt seinem Volk Gebote, welche das Opfer betreffen. Damit schafft Gott eine Möglichkeit, wie Menschen ihren Wunsch nach Sühne und Vergebung ausdrücken können. Die verschiedenen Opferrituale sind damit ein Angebot Gottes an die Menschen. Gott schenkt eine bestimmte Form und legt sich darauf fest. Mit dieser Festlegung schafft Gott Gewissheit für die Menschen: Gott wird vergeben, denn Gott hat es zugesagt.
So gesehen ist es nicht Gott, der ein Opfer braucht. Wir Menschen sind es, die ein Opfer brauchen. Wir brauchen diese Festlegung, diesen festen Punkt, auf den wir uns beziehen können.
Allerdings gibt es heute mehr und mehr Menschen, die mit dem Gedanken, dass jemand für sie stirbt, nichts anfangen können. Sie sagen: Lieber Gott, das wäre doch nicht nötig gewesen. Vergebung könne doch auch ohne Opfer funktionieren.
Ich denke, dass es schwierig ist, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn Jesus nicht am Kreuz gestorben wäre. Immerhin ist unsere Kultur stark von diesem Ereignis auf Golgatha geprägt. Ohne Jesu Tod am Kreuz hätten wir nur Worte. Wir hätten nur die Texte, die uns sagen, dass Gott etwas Neues schaffen will. Wir hätten kein so deutliches Beispiel dafür, wie Gott aus einer Katastrophe etwas völlig Neues entstehen lässt. Wir hätten an Ostern nur die Ostereier, aber keine Auferstehung. Wir würden am Ende nicht an Jesus glauben, sondern an eine Lehre des ewigen Neubeginns. Jesus wäre dann auch nur ein Prophet, aber nicht mehr unser Heiland, der uns Heil schafft und uns rettet.
Glücklicherweise haben wir dieses bestens bezeugte Ereignis in der Geschichte der Menschheit: Jesus ist am Kreuz gestorben, und am dritten Tag auferstanden. Gott hat die Gelegenheit genutzt, aus der Katastrophe des Todes einen Neuanfang zu schaffen. Damit hat sich Gott festgelegt:
Kein anderer kann Rettung bringen. Und Gott hat uns auch keinen anderen Namen unter dem Himmel bekannt gemacht, durch den wir Rettung finden. (Apostelgeschichte 4,12)
Wer Jesus, seinen Tod und seine Auferstehung als Rettung ablehnt, der lehnt letztendlich Gott selbst ab. Gott hat sich auf seinen Christus, seinen Gesalbten, festgelegt. So will Gott diese Welt retten. Das hat auch damit zu tun, was die Sünde eigentlich ist, von der Gott uns retten will.
Die Sünde hat ihre Wurzel darin, dass wir unser Leben gerne selbst bestimmen wollen – unabhängig von Gott. Das führt dazu, dass wir ganze Systeme schaffen, die unabhängig von Gott funktionieren sollen. Als Ergebnis leben wir in mühsam austarierten Machtverhältnissen, die jederzeit zusammenbrechen können. Jesus hat sich nicht in ein solches Schema pressen lassen. So gesehen war der gewaltsame Tod von Jesus unausweichlich. Es musste ja so kommen, erklärt Jesus nach seiner Auferstehung (Lukas 24,26.44–47).
Dass Jesus ermordet wurde, war Sünde. Gott hat aber niemanden dazu gezwungen, diese Sünde zu begehen. Der Tod von Jesus war unausweichlich, weil Jesus als der Sohn Gottes sich in ein von menschlichem Machtstreben bestimmtes System begeben hat. Es musste ja so kommen. So können wir auch all die prophetischen Hinweise einordnen.
Doch dann hat Gott aus dieser Katastrophe am Kreuz etwas Neues geschaffen, nämlich die Rettung für diese ganze Erde. Gottes Wertesystem und das Wertesystem dieser Welt sind einander völlig entgegengesetzt. Während sich Menschen an Macht und Besitz klammern, lässt Gott aus dem Zusammenbruch Neues entstehen. Als Jüngerinnen und Jünger von Jesus haben wir deshalb allen Grund, die Vergebung durch Jesus Christus zu feiern.
Mit dem Tod von Jesus und seiner Auferstehung hat Gott auf dem Berg Zion einen ausgewählten, kostbaren Grundstein gelegt. Wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen. Für uns ist dieser Stein kostbar, weil wir an ihn glauben. Das Opfer von Jesus am Kreuz ist die Grundlage unseres Glaubens. Wir sehen in diesem Opfer den Anfang von etwas völlig Neuem. Wir erklären unseren eigenen Zusammenbruch, und stellen unser Leben Gott zur Verfügung. So werden wir Teil von Gottes neuer Welt.
Martin Pusch – Predigt gehalten am 10. Mai 2026.