Predigt-Blog

Hier schreibt unser Pastor Martin Pusch …

2. Korinther 3,17–18 – Ein baptistisches Grundelement – Glaubens- und Gewissensfreiheit

Bibeltext (BasisBibel)

17 Der Herr wirkt nämlich durch seinen Geist. Und wo der Geist des Herrn wirkt, da herrscht Freiheit. 18 Wir alle sehen die Herrlichkeit des Herrn mit unverhülltem Gesicht wie in einem Spiegel. Dabei werden wir selbst in sein Ebenbild verwandelt. Wir bekommen immer mehr Anteil an seiner Herrlichkeit – so wie es der Geist des Herrn bewirkt.

Predigt

Paulus schreibt hier an die Gemeinde in Korinth. Diese Zeilen gehören zu einem Briefwechsel, der uns nur in Teilen erhalten geblieben ist.

Paulus hatte damals die Gemeinde in Korinth selbst gegründet. Wir lesen davon in Apostelgeschichte 18. Einige Dinge sind bemerkenswert, wenn wir uns die Anfänge in Korinth ansehen.

Zum einen steht Jesus Christus klar im Mittelpunkt der Lehre. Paulus lehrte in der Synagoge von Korinth, dass Jesus der Christus ist (Apostelgeschichte 18,5). Wer an Jesus als den verheißenen Messias glaubt, für den ändert sich etwas Wesentliches. Indem die jüdische Bibel auf Jesus Christus verweist, wird am Ende Jesus Christus selbst zum Gegenstand des Glaubens. So eine Verlagerung, von der Schrift weg und hin zu einer Person, verändert also ganz entscheidend den Glauben. Für Juden ist die Tora Grundlage ihres Glaubens und stellt Regeln für den Alltag und das Zusammenleben auf. Wer nun aber an Jesus Christus glaubt, der folgt dem gelebten Beispiel von Jesus. Der Glaube, der sich vorher auf die Schriften bezog, bezieht sich nun auf eine Person, nämlich auf den Messias, Jesus Christus.

Das andere, was bemerkenswert ist: Jesus Christus wird zur neuen Identifikationsfigur für den Glaubenden. Bisher war es wichtig, aus welcher Familie jemand kommt, aus welcher Stadt und aus welchem Volk. Mit Jesus Christus wird die soziale, die sprachliche oder die ethnische Herkunft unwichtig. Während Paulus in Korinth ist, sagt der Herr zu ihm in einer Erscheinung:

9 … »Hab keine Angst! Verkünde weiter die Gute Nachricht und schweige nicht! 10 Ich bin bei dir, und niemand kann dir etwas anhaben. Viele Menschen in dieser Stadt sollen nämlich zum Glauben an mich kommen.« (Apostelgeschichte 18,9–10)

Wörtlich ist hier davon die Rede, dass Christus "ein großes Volk in dieser Stadt" hat. Der Glaube an Jesus Christus wird damit zur Grundlage einer neuen Zugehörigkeit, also einer neuen Abstammung. Diese neue Abstammung steht im Gegensatz zur biologischen Abstammung, welche bei Juden ja auf Jakob zurückgeht, der damals den neuen Namen Israel bekam. Wer zu Jesus Christus gehört, der wird zur Schwester oder zum Bruder von Jesus Christus, und Teil der Gemeinde von Jesus Christus.

Statt der Tora wird nun Jesus Christus Grundlage des Glaubens. Statt sich zum Volk Israel zu zählen gehört der Glaubende nun zur Gemeinde von Jesus Christus. Bei jeder Person, die zum Glauben an Jesus Christus kam, hat Paulus es neu beobachten können: Die Tora, die jüdische Bibel, verliert ihre Rolle als Gesetz, welches durch Gehorsam Leben schenkt. Statt dessen verweist die Schrift auf Jesus Christus, der aus Gnade Leben schenkt. Die Abstammung als Jüdin oder als Jude tritt zurück zugunsten der neuen Zugehörigkeit zum Volk von Jesus Christus, also zur Gemeinde von Jesus Christus.

Jetzt, einige Jahre später, schreibt Paulus Briefe an die Christen in Korinth. Die Tatsache, dass diese Christen Christus aus dem Blick verloren haben, hat in der Gemeinde zu Problemen geführt. Menschen haben sich selbst wichtig genommen. Bestimmte Gewohnheiten und Regeln haben Gewicht bekommen. Es wurde darauf geachtet, wer mit wem und wieviel zusammensteckt. Die Korrektur, welche Paulus anmahnt, besteht darin, Christus wieder seinen Platz in der Mitte zu geben. Gott war es, der uns durch Christus zu Dienern des neuen Bundes gemacht hat (2. Korinther 3,5–6). Gott hat etwas aus uns gemacht. Gott hat uns die Fähigkeit verliehen, Diener des neuen Bundes zu sein. Das ist nichts, was wir uns selbst zuschreiben können.

Paulus kommt zu einer Schlussfolgerung:

Er (Gott) hat uns die Fähigkeit verliehen, Diener des neuen Bundes zu sein. Und die Grundlage dieses Bundes sind nicht Buchstaben, sondern der Heilige Geist. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. (2. Korinther 3,6)

Mit den Buchstaben meint Paulus die Schriften der jüdischen Bibel, also unser Altes Testament. Was uns lebendig macht, ist der Geist Gottes.

Die BasisBibel übersetzt Vers 17 so: "Der Herr wirkt nämlich durch seinen Geist." Viele andere Übersetzungen sind da näher am griechischen Text und schreiben: "Der Herr ist der Geist." Die Verbindung zu Jesus Christus schenkt uns das Leben. Der neue Bund hat seine Grundlage im Geist und im Blut von Jesus Christus. Damit sind wir wieder bei diesen beiden Grundlagen:

Unser Glaube hat sich verlagert, weg von einem aufgeschriebenen Gesetz Gottes und hin zu Jesus Christus. Außerdem haben wir einen neuen Stammbaum bekommen, denn wir gehören nun zu Jesus Christus. Wir haben also keine alten Verpflichtungen mehr – weder aufgeschriebene alte Regeln noch geerbte und überlieferte Verpflichtungen. Der Herr ist der Geist. Der Geist von unserem Herrn Jesus Christus schenkt uns Freiheit (Vers 17).

Vers 18 verwendet ein interessantes Bild. Die Herrlichkeit unseres Herrn spiegelt sich in unseren Gesichtern. Wir werden nach und nach verwandelt, und werden so zu einem Ebenbild von Jesus Christus. Dies alles funktioniert aber auf der Grundlage, dass wir auf Jesus sehen. Wir sind frei, wir können uns also jederzeit frei bewegen. Aber diese Freiheit beruht darauf, dass wir immer mit Jesus Christus im Blickkontakt bleiben.

Hintergrund dieses Vergleichs ist ein Detail aus der Geschichte von Mose (Exodus/2. Mose 34,29–35). Nachdem Mose lange mit Gott von Angesicht zu Angesicht geredet hatte, glänzte Moses Gesicht so stark, dass seine Zeitgenossen davon geblendet wurden. Mose war so lange in enger Gemeinschaft mit Gott gewesen, dass Mose Gott ein wenig ähnlicher geworden war.

Auch wir leben nun in der Gemeinschaft mit Jesus Christus. Wir lernen von Jesus. Wir stehen ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Die Eigenschaften von Jesus Christus gehen dadurch auf uns über. Gemeint ist natürlich, dass unser Wesen dem von Jesus ähnlicher wird. Man merkt uns hoffentlich an, dass wir viel Zeit mit Jesus verbringen. Wir bekommen immer mehr Anteil an der Herrlichkeit von Jesus Christus.

Paulus geht es hier nicht um einen Weg der Erleuchtung, den man gehen kann, wenn man ein ganz besonders guter Christ sein will. Paulus schreibt diesen Brief an eine Gemeinde, die gerade ein paar Probleme zu bewältigen hat. Hier möchte Paulus helfen. Deshalb erinnert Paulus seine Leser daran, wie der Glaube an Jesus Christus funktioniert. Als Christen folgen wir keinem heiligen Text, sondern wir folgen einer Person nach, nämlich Jesus Christus. Jesus Christus schenkt uns Freiheit und Leben. Wir werden durch den Kontakt mit Christus in sein Ebenbild verwandelt. Gottes Geist wirkt in uns.

Für uns als Baptistengemeinde prägt diese Auffassung unser Gemeindeverständnis. Eine Gemeinde, das ist für uns keine hierarchische Struktur mit einer leitenden Figur, die alles bestimmt. Nein, sondern unsere Gemeinde besteht aus Menschen, die ihr Leben im Blickkontakt mit Jesus Christus leben. Gottes Geist wirkt in einem jeden von uns. Dieser Gedanke ist Grundlage einer großen persönlichen Freiheit. Dabei ist es entscheidend, dass wir nicht nur Freiheit für uns selbst in Anspruch nehmen, sondern diese Freiheit auch anderen Menschen lassen.

Auf dieser Grundlage treten wir als Baptisten für Religionsfreiheit ein. Wir möchten unseren Glauben frei leben. Dies wünschen wir nicht nur für uns selbst, sondern auch für Angehörige anderer Religionen. Genauso wollen wir darauf achten, dass unsere persönliche Freiheit nicht dazu führt, dass andere Menschen unterdrückt werden. Unser Glaube kann also durchaus dazu führen, dass wir uns auch politisch engagieren, um anderen Menschen ein Leben in Freiheit zu ermöglichen.

Wir haben gesehen, dass Christus uns umgestaltet in sein Bild. Wir lernen von Jesus, indem wir mit ihm leben. Wir lernen nicht in erster Linie von Texten, sondern wir lernen von einem lebendigen Vorbild. Dadurch kommen wir hoffentlich weniger in Versuchung, uns über Kleinigkeiten zu streiten. Wir sind noch nicht am Ziel, sondern wir sind auf einem Weg, und das wissen wir auch. Wir lernen noch. Deshalb wollen wir auch anderen Menschen zugestehen, dass sie noch lernen. Wir gehen großzügig miteinander um. Wir wollen versöhnungsbereit sein.

Für uns ist es ein großer Vorteil, dass wir einer Person folgen, nämlich Jesus Christus. Wir sind deshalb nicht an eine ganz bestimmte Glaubensauffassung gebunden, solange es um Jesus Christus geht. Wenn jemand in einem Detail eine andere Auffassung hat als wir selbst, müssen wir uns deshalb nicht gleich trennen. Das hat weniger mit unserer eigenen Großzügigkeit zu tun. Es liegt mehr daran, dass wir ja auch selbst Jesus erst nach und nach immer deutlicher erkennen. So wird die andersdenkende Schwester oder der andersdenkende Bruder für uns zum Ansporn, noch deutlicher auf Christus zu sehen. Dabei können wir nur hoffen, dass es unserer Schwester oder unserem Bruder ebenso geht. Am Ende kommen wir näher zusammen, weil wir Christus näher gekommen sind.

Wir lesen die Bibel, aber wir lesen sie auf Christus hin. Die Texte des Alten Testaments weisen auf Christus hin. Die Evangelien berichten uns von Jesus Christus, von seinem Leben, seinem Sterben und seiner Auferstehung. Die Apostelgeschichte und die Briefe des Neuen Testaments zeichnen den Weg der ersten Generationen von Christen nach. Wir sehen, wie diese Menschen die Herrlichkeit des Herrn widerspiegelten, und wie Gottes Geist durch sie wirken konnte. Das Neue Testament wird damit aber nicht zu einem neuen Gesetz, dessen Buchstaben wir folgen müssen. Wir glauben an Jesus Christus, der für uns ein lebendiges Vorbild ist. Durch den Glauben gehören wir zu Jesus Christus. Er ist es, der uns durch seinen Geist befähigt, von innen her, weil unser Glaube und unser Gewissen im ständigen Gespräch mit Christus bleibt.


Martin Pusch – Predigt gehalten am 9. August 2026.