Apostelgeschichte 2,41–42 – Ein baptistisches Grundelement – Die Gemeinde der Gläubigen
Bibeltext (BasisBibel)
41Viele nahmen die Botschaft an, die Petrus verkündet hatte, und ließen sich taufen. An diesem Tag gewann die Gemeinde ungefähr 3000 Menschen hinzu.42Die Menschen, die zum Glauben gekommen waren, trafen sich regelmäßig und ließen sich von den Aposteln unterweisen. Sie lebten in enger Gemeinschaft, brachen das Brot miteinander und beteten.
Predigt
In Jerusalem ist die erste christliche Gemeinde überhaupt entstanden. Zunächst haben sich die Anhängerinnen und Anhänger von Jesus Christus vor allem unter sich getroffen. Es gab einen engeren Kreis, der sich im Obergemach eines Hauses zum Gebet traf (Apostelgeschichte 1,13). Es gab auch größere Treffen mit deutlich über hundert Leuten, die sich gemeinsam in einem Haus trafen (Apostelgeschichte 2,2).
Dann kam der Pfingsttag, und der Heilige Geist wurde über der versammelten Gemeinde ausgegossen. Das war der Auslöser dafür, dass sich die Gemeinde unter die Menschen der Stadt Jerusalem mischte. Die multikulturelle Bevölkerung von Jerusalem war darüber verwundert, weil die Leute festgestellt haben:
Wir sind Juden von Geburt an, aber auch Fremde, die zum jüdischen Glauben übergetreten sind. Auch Kreter und Araber sind dabei. Wir alle hören diese Leute in unseren eigenen Sprachen erzählen, was Gott Großes getan hat. (Apostelgeschichte 2,11)
Der Apostel Petrus ordnete dann in einer öffentlichen Rede ein, was hier geschah: Gott macht sein Versprechen war, von dem bereits der Prophet Joel geschrieben hatte:
17›Gott spricht: Das wird in den letzten Tagen geschehen: Ich werde meinen Geist über alle Menschen ausgießen. Eure Söhne und Töchter werden als Propheten reden. Eure jungen Männer werden Visionen schauen, und eure Alten von Gott gesandte Träume haben.18Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, werde ich in diesen Tagen meinen Geist ausgießen. Und sie werden als Propheten reden.19Ich werde Wunder tun droben am Himmel und Zeichen erscheinen lassen unten auf der Erde: Blut und Feuer und dichte Rauchwolken.20Die Sonne wird sich verfinstern, und der Mond wird blutrot werden. Dies alles geschieht, bevor der große und prächtige Tag des Herrn anbricht.21Jeder, der dann den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden!‹ (Apostelgeschichte 2,17–21)
Petrus erinnert damit an das, was Jesus getan hat. Jesus hat Wunder gewirkt. Diese Wunder hat Jesus öffentlich, also vor den Augen der ganzen Bevölkerung getan. Durch diese Taten hat Jesus sich ausgewiesen als der Gesalbte Gottes. Jesus ist also der Christus, durch den Gott Rettung schenkt.
Am Ende dieses Pfingsttages nahmen viele die Botschaft an, die Petrus verkündet hatte, und ließen sich taufen. So kamen etwa 3000 Menschen zur Gemeinde hinzu.
Solche Aussagen, wie wir sie in der Apostelgeschichte finden, sind pauschal gemeint. Viele nahmen die Botschaft an und ließen sich taufen. Gab es denn auch Menschen, welche die Botschaft annahmen, sich aber nicht taufen ließen? Gab es Menschen, die sich taufen ließen, aber sich dann doch nicht zur Gemeinde zählen lassen wollten? Ja, möglicherweise gab es solche Menschen. Aber selbst wenn es solche Sonderfälle gegeben haben mag, dann spielen sie für die Apostelgeschichte keine Rolle. In diesem Bericht geht es um das Wirken Gottes durch die Apostel und durch die Gemeinde.
In der Apostelgeschichte sehen wir, dass Menschen, die an Jesus Christus glauben, Teil der Gemeinde werden. Das Wort "Gemeinde" kann man dabei unterschiedlich auffassen. Zum einen ist gemeint, dass Menschen den Glauben an Jesus Christus gemeinsam haben. Durch die Verbindung zu Jesus Christus sind sie miteinander verbunden. Das ist, was wir heute als die weltweite Gemeinde bezeichnen. Zum anderen meint Gemeinde, dass man sich als Teil einer verbindlichen Gemeinschaft an einem Ort versteht, die miteinander unterwegs ist. Da es sich in Jerusalem um die erste christliche Gemeinde überhaupt handelt, fallen hier beide Aspekte von Gemeinde zusammen, die weltweite Gemeinde und die Gemeinde vor Ort. Jeder in der Stadt, der an Jesus Christus glaubte, war auch Teil der verbindlichen Gemeinschaft der Gemeinde von Jerusalem.
Die unsichtbare Verbindung zueinander durch den gemeinsamen Glauben wurde also ergänzt durch eine formale Mitgliedschaft in der konkreten Gemeinschaft vor Ort in Jerusalem.
Die erste Gemeinde in Jerusalem hatte tatsächlich eine Art von formaler Mitgliedschaft. Wir sehen dies in Kapitel 6, als es Probleme bei der gerechten Versorgung der Witwen gab. Zunächst wurden nur Witwen der hebräischen Kulturgruppe versorgt, also Frauen, die den Aposteln bekannt waren. Die Apostel gehörten ja selbst zu dieser kulturellen Gruppe, und sie konnten die Versorgung der Witwen auf einer informellen Basis organisieren. Aber dann beschwerten sich die griechisch-sprachigen Juden darüber, dass ihre Witwen bei der Versorgung nicht berücksichtigt wurden. Die Gemeinde musste den Bereich der Versorgung also besser organisieren. Hier werden wir Zeugen eines Übergangs: Die informelle Lösung war nicht mehr ausreichend, daher musste nun eine formelle Lösung her. Es reichte nicht mehr aus, sich um diejenigen zu kümmern, die man sowieso schon kannte. Die tägliche Versorgung der Witwen wurde deshalb grundlegend neu strukturiert. Interessant ist, was wir direkt im Anschluss an den Bericht über diese Neu-Organisation lesen:
Das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger in Jerusalem wuchs immer weiter. Sogar von den Priestern nahmen viele den Glauben an Jesus an. (Apostelgeschichte 6,7)
Wohlgemerkt, es steht hier nicht, dass sich das Wort Gottes ausbreitete, weil sich die Gemeinde besser organisierte. Es ist nicht der Gedanke der besseren Effizienz, der hier im Vordergrund steht. Es gibt einen anderen Zusammenhang:
Vor der Neu-Organisation haben sich die elf oder zwölf Apostel um alles gekümmert. Als das Problem mit der Versorgung der Witwen auffiel, haben die Apostel eine wichtige Entscheidung getroffen: Sie haben die Gemeinde gebeten, Menschen vorzuschlagen, die einen guten Ruf hatten und die vom Geist Gottes und von Weisheit erfüllt waren. Die Gemeinde schlug sieben Männer vor, und die Apostel setzten sie offiziell in ihre neue Aufgabe ein. Die Einsetzung geschah durch Gebet und Handauflegung.
Was Gebet ist, wissen wir wahrscheinlich. Was Handauflegung ist, muss ich vielleicht erklären. Es geht darum, Personen für ihren Dienst zu segnen und zu bevollmächtigen. Als Beispiel kann hier die alttestamentliche Geschichte dienen, wie Mose den Josua in seinen Dienst einsetzte. Gott hatte hierzu genaue Anweisungen gegeben (Numeri/4. Mose 27,15–23). Dazu gehörte, dass Mose dem Josua vor der ganzen Gemeinde die Hände auflegte und ihn so ausdrücklich für diese neue Aufgabe beauftragte.
Wir beten ja oft füreinander, und das ist auch gut so. Aber wenn die Gemeinde durch Handauflegung für eine Person um Gottes Vollmacht für einen bestimmten Dienst bittet, dann wird hier für alle sichtbar eine konkrete geistliche Beauftragung ausgesprochen.
Diese konkrete geistliche Beauftragung durch die Gemeinde war der Schlüssel dazu, dass sich das Wort Gottes in Jerusalem weiter ausbreitete. Davon bin ich überzeugt. Die Versorgung der Witwen wurde eben nicht einfach nur als organisatorisches Problem aufgefasst, sondern als eine geistliche Herausforderung. Gerechtigkeit ist nach biblischer Auffassung vor allem eine geistliche Herausforderung. Wir leben dann als Gerechte, wenn wir im allem nach Gottes Willen fragen (Psalm 24,3–6). Das Gegenteil von Gerechtigkeit ist nicht Ungerechtigkeit, sondern Gottlosigkeit (Psalm 1). Weil die Gemeinde aus Menschen besteht, die zu Jesus Christus gehören, setzt sich die Gemeinde für Gerechtigkeit ein. Dies fängt bei den eigenen Strukturen an. Gerechtigkeit entsteht nicht zufällig, bloß weil alle in der Gemeinde an Jesus Christus glauben. Gemeinde hat von Christus her den Auftrag, gerecht zu sein und für Gerechtigkeit einzustehen. Deshalb spricht die Gemeinde konkrete geistliche Beauftragungen aus.
Wenn nun die Gemeinde konkret handeln will und soll, kann sie nicht selbst aus Leuten bestehen, die sich unverbindlich treffen. Ihr seht, ich gehe mit meinen Überlegungen einer Frage nach, die mir in Gesprächen immer wieder begegnet: Ist es wichtig, formal zu einer Gemeinde zu gehören? Reicht es nicht aus, informell dazu zu gehören? Dieser Linie zwischen Unverbindlichkeit und Verbindlichkeit gehe ich hier nach.
Die ungefähr 3000 Personen, die sich an diesem denkwürdigen Pfingstfest zu Jerusalem taufen ließen, trafen sich regelmäßig und ließen sich von den Aposteln unterweisen (Vers 42a). Diesen einen Satz kann man unterschiedlich auffassen. Haben die Apostel hier in loser Folge Geschichten aus ihrer Zeit mit Jesus erzählt? Wahrscheinlich nicht. Hier wurde anhand der Schrift nachgewiesen, dass Jesus der Christus ist, der Gesalbte Gottes. Diese Menschen, die neu zum Glauben gekommen waren, hatten ja alle einen jüdischen Hintergrund. Sie kannten die Schriften, also die Bücher, welche unser Altes Testament bilden. Um diese Schriften ging es: Wie erfüllt Jesus das, was die Schrift über den Christus sagt? Ziel dieser Unterweisung war es, den Glauben an Jesus Christus auf eine feste Grundlage zu stellen. Aus dem Leben von Jesus wurde vor allem das erzählt, was bereits in der Schrift vorgezeichnet ist.
Wir sehen es ja an unserem Neuen Testament. Wir haben nur wenig Material über die Kindheit und Jugend von Jesus. Aber das, was wir haben, steckt voll von Bezügen auf unser Altes Testament. Mit allem, was Jesus tat, erfüllte er das, was die Schrift über den Gesalbten Gottes sagt. Jesus gibt sich damit ganz konkret als der Gesalbte Gottes, als Christus zu erkennen. In ihrer Unterweisung ging es den Aposteln also nicht darum, die Menschen irgendwie geistlich vollzutanken für die neue Woche, die vor ihnen lag. Es ging den Aposteln darum, handfestes Wissen aus der Schrift über den Christus, den Gesandten Gottes, zu vermitteln. Ich würde jetzt nicht behaupten, dass die 3000 Menschen am Ende eine Prüfung ablegen mussten. Es ist aber klar, dass sich die Menschen unterschiedlich gut in die Gemeinde einfügten. Deshalb suchten die Apostel ja nach Menschen, die einen guten Ruf hatten und die vom Geist Gottes und von Weisheit erfüllt waren. Die Apostel wollten Menschen finden, die ihr Leben auch tatsächlich ganz auf Christus ausgerichtet hatten. Die geistlich wichtige Aufgabe der Versorgung der Witwen sollte auch formal so gut wie möglich geregelt sein.
Noch einmal: Ist es wichtig, formal dazu zu gehören? Reicht es nicht aus, informell zur Gemeinde zu gehören?
Die Menschen lebten in enger Gemeinschaft, brachen das Brot miteinander und beteten (Vers 42b). Was ist mit enger Gemeinschaft gemeint? Im griechischen Text ist hier von der Gemeinschaft die Rede. Man hat also extra einen bestimmten Artikel davor gesetzt, um das Wort Gemeinschaft hervorzuheben. Es geht um die Gemeinschaft. Ansonsten wird dieses Wort nämlich oft auch ohne Artikel verwendet, im Sinne von irgendeiner Gemeinschaft. Deshalb schreibt die BasisBibel hier von enger Gemeinschaft. Offensichtlich ist hier eine gewisse Verbindlichkeit gemeint. Da überlegt man nicht jedes Mal neu: Gehe ich hin? Gehe ich nicht hin?
Auch die Tatsache, dass die ersten Christen das Brot miteinander brachen, weist auf eine gewisse Verbindlichkeit hin. Paulus kritisiert später in seinem Brief an die Christen in Korinth, dass sich dort eine ungesunde Unverbindlichkeit breitgemacht hätte. Paulus mahnt die Christen, aufeinander zu warten mit dem Mahl des Herrn. Es geht nicht an, dass einige sich satt essen, während andere hungrig bleiben, schreibt Paulus (1. Korinther 11,33–34). Diese Aufforderung macht nur dann Sinn, wenn man auch weiß, auf wen man warten muss. Paulus erinnert die Christen in Korinth also daran, dass es in der Gemeinde um verbindliche Gemeinschaft geht.
Es war sicher nicht so, dass sich mehr als 3000 Menschen zum gemeinsamen Abendmahl getroffen haben. Statt dessen lesen wir, dass sich die Mitglieder der ersten Gemeinde in Jerusalem täglich im Tempel versammelten. Hingegen hielten sie die Feier des Brotbrechens in den Häusern (Apostelgeschichte 2,46). Ich stelle es mir so vor, dass die Apostel im Tempel lehrten, vielleicht sogar gleichzeitig in unterschiedlichen Ecken, um den vielen Zuhörern gerecht zu werden. Aber die verbindliche Gemeinschaft, in der man einander kannte und aufeinander achtete, die fand in den Häusern statt. Dort wurde das Abendmahl miteinander gefeiert und miteinander gebetet.
Diese Beobachtungen, die wir in der Apostelgeschichte machen können, führen uns zu der Überzeugung: Die Gemeinde, das ist die Versammlung von Menschen, die an Jesus Christus glauben. Diese Beobachtung ist gleichzeitig eines der Prinzipien, an denen sich eine Baptistengemeinde orientiert. Wer zum Glauben an Jesus Christus kommt, ist eingeladen, sich taufen zu lassen und Mitglied der Gemeinde zu werden. Wir folgen damit dem Beispiel aus dem Bericht über die erste Gemeinde zu Jerusalem.
Die Gemeinde besteht aus Menschen, die an Jesus Christus glauben. Auch das Ziel von Gemeinde dreht sich um Jesus Christus: Es geht uns vor allem darum, den Glauben an Jesus Christus auf eine feste Grundlage zu stellen. Wir studieren die Schrift auf Jesus Christus hin. Jesus ist es, der uns den Vater zeigt und ihn uns bekannt macht. Wir reden also nicht ganz allgemein über Gott und die Welt, sondern wir folgen Jesus Christus, durch den wir Gott als unseren Vater kennenlernen.
Wenn wir also Gemeinschaft pflegen, das Abendmahl miteinander teilen und miteinander beten, dann tun wir dies, um unseren gemeinsamen Glauben an Jesus Christus zu stärken. Aufeinander zu achten und uns gegenseitig zu unterstützen funktioniert nur in einer verbindlichen Gemeinschaft. Aus dieser verbindlichen Gemeinschaft heraus begegnen wir geistlichen Herausforderungen. Wir bevollmächtigen Personen für ihren Dienst und segnen sie. Wir sehen unseren Auftrag darin, unseren Glauben auch tatsächlich zu leben. Und wir laden dazu ein, Teil dieser Gemeinde zu werden. Nicht, weil wir so super sind. Sondern weil wir glauben, dass Gemeinde mehr ist als nur ein Haufen Leute, die sich am Sonntagmorgen treffen. Als Gemeinde sind wir eine verbindliche Gemeinschaft mit dem Auftrag, gerecht zu sein und für Gerechtigkeit einzustehen. Dazu laden wir ein.
Martin Pusch – Predigt gehalten am 2. August 2026.