Predigt-Blog

Hier schreibt unser Pastor Martin Pusch …

Apostelgeschichte 26,15–18 – Der Auftrag: Wahrheit lehren, Macht erfahrbar machen und Gemeinschaft leben

Bibeltext (BasisBibel)

15 Da fragte ich: ›Wer bist du, Herr?‹ Der Herr antwortete: ›Ich bin Jesus, den du verfolgst. 16 Doch jetzt steh auf! Stell dich auf die Füße! Denn ich bin dir erschienen, um dich in meinen Dienst zu nehmen. Du sollst als Zeuge auftreten für das, was du heute gesehen hast – und das, was ich dir noch zeigen werde. 17 Ich schütze dich vor deinem Volk und vor den Menschen aus den anderen Völkern. Ich sende dich zu ihnen, 18 damit du ihnen die Augen öffnest. Sie sollen sich aus der Finsternis zum Licht hinwenden und aus der Gewalt des Satans zu Gott. Durch den Glauben an mich sollen ihnen ihre Sünden vergeben werden. Und sie sollen ihren Anteil am Erbe der Heiligen erhalten.‹

Predigt

Im 9. Kapitel der Apostelgeschichte wird uns die Bekehrung des Saulus erzählt. Danach wird uns berichtet, wie das Evangelium eine wichtige kulturelle Grenze überschreitet: Zum ersten Mal kommen Menschen zum Glauben, die keine Juden sind. Der Apostel Petrus fasst es so zusammen:

34 […] Jetzt begreife ich wirklich, dass Gott nicht auf die Person sieht! 35 Wer ihn ehrt und das tut, was vor ihm recht ist, den nimmt Gott an – ganz gleich, aus welchem Volk er stammt. 36 Diese Botschaft hat Gott seinem Volk Israel gesandt. Er hat ihm die Gute Nachricht verkündet, dass er Frieden gebracht hat – durch Jesus Christus, der Herr ist über alle Menschen! (Apostelgeschichte 10,34–35)

Ein Kapitel später (Kap. 11) ist es Barnabas, der sich auf die Suche nach Saulus macht. Dann, in Kapitel 13, starten Barnabas und Saulus zu einer ersten Missionsreise. In diesem Kapitel wird nebenbei erwähnt, dass Saulus auch Paulus hieß (Apostelgeschichte 13,9). Von da an wird nur noch der Name Paulus benutzt.

Wir unterscheiden drei Missionsreisen, an denen Paulus beteiligt war. Am Ende der dritten Missionsreise wird Paulus in Jerusalem verhaftet (Kapitel 21). Die Gegner des Paulus inszenieren einen großen Tumult. Doch die römische Verwaltung braucht eine ordentliche Anklage und den sicheren Nachweis, dass Paulus gegen geltendes Recht verstoßen hat. An diesem Punkt geht es nicht voran, so dass Paulus sich schließlich auf sein Recht beruft, vom Kaiser in Rom gerichtet zu werden. Also will der Stadthalter Festus den Gefangenen Paulus nach Rom schicken. Allerdings muss Festus auch einen Brief mitschicken, in welchem er die Fakten darlegt. Als König Agrippa und Berenike zu Besuch kommen, lässt der Stadthalter Festus den Paulus vorführen. Festus braucht den Rat von König Agrippa. Das ist die Situation, in welcher Paulus eine Verteidigungsrede hält. Wir finden sie in Kapitel 26. Die eingangs vorgelesenen Verse sind ein Auszug aus dieser Rede. Paulus berichtet hier von seiner Berufung durch Jesus Christus.

Mir geht es vor allem um den Vers 18:

18 … damit du ihnen die Augen öffnest. Sie sollen sich aus der Finsternis zum Licht hinwenden und aus der Gewalt des Satans zu Gott. Durch den Glauben an mich sollen ihnen ihre Sünden vergeben werden. Und sie sollen ihren Anteil am Erbe der Heiligen erhalten.

Paulus gibt hier eine Kurzfassung des Evangeliums. Warum ist der Sohn Gottes in diese Welt gekommen? Was will Gott für die Menschen erreichen? Die Antwort finden wir hier zusammengefasst.1

Paulus präsentiert hier drei Facetten des Evangeliums, oder drei Seiten dieser Botschaft, oder drei Auswirkungen des Evangeliums bei den Menschen:

  • Den Menschen werden die Augen geöffnet. Sie verlassen die Finsternis und kommen zum Licht. Menschen erfahren Befreiung aus der Gewalt des Satan, und werden Teil von Gottes Reich. Diese erste Facette des Evangeliums arbeitet mit dem Gegensatz von Lüge und Wahrheit. Der Satan nutzt seine Macht, um Menschen zu täuschen und sie im Dunkeln zu halten. Im Gegensatz dazu bringt das Evangelium den Menschen die Erkenntnis der Wahrheit. Beim Evangelium geht es also darum, Menschen die Wahrheit zu lehren.
  • Nun kommen wir zur zweiten Facette des Evangeliums: Durch den Glauben an Jesus Christus werden den Menschen ihre Sünden vergeben. Hier müssen wir mit einer falschen Vorstellung von Sünde aufräumen: Sünde verschwindet nicht einfach aus unserem Leben, so, wie man eine Kreidetafel sauber wischen kann. Denn die Sünde ist fest in unserem Leben eingewurzelt. Unsere mangelnde Selbstannahme fördert Verhalten, welches uns langfristig schadet. Unser Menschenbild und unsere Rollenvorstellungen belasten und gefährden unsere Beziehungen. Unsere Vorstellung vom Leben steuert unseren Konsum, was negative Auswirkungen auf unseren gesamten Planeten hat. Mit der Vergebung unserer Sünden startet also ein geistlicher Kampf in unserem Leben. Wir setzen uns dem Wort Gottes aus, um der Verführung begegnen zu können. Wir treten durch Christus mit Gott in Verbindung, damit sein Einfluss in unserem Leben wächst. Die Tatsache, dass Gott uns seinen Geist gibt, ist also erst der Beginn eines Kampfes, der uns unser Leben lang beschäftigen wird.
  • Die dritte Facette des Evangeliums hat den Charakter einer Verheißung: Sie sollen ihren Anteil am Erbe der Heiligen erhalten. Auch hier müssen wir mit einer falschen Vorstellung aufräumen, welche diesen Anteil am Erbe auf das Leben nach dem Tod verlagert. Wer zu Jesus Christus gehört, darf schon hier und jetzt echte Gemeinschaft mit anderen Christen erfahren. Wahre und tragfähige Beziehungen zu Glaubensgeschwistern dürfen entstehen. Wer sich vorher ziemlich allein durch das Leben kämpfen musste, wird nun Teil der Gemeinschaft der Kinder Gottes. Grundlage der Gemeinschaft ist unsere persönliche Beziehung zu Gott, dem Vater, durch Jesus Christus, seinem Sohn, der durch den Heiligen Geist unser Leben neu gestaltet.

Jede der drei Facetten des Evangeliums lässt sich in der Apostelgeschichte entdecken. Wir finden Berichte, nach denen das Evangelium logisch und nachvollziehbar verkündet wird (Apostelgeschichte 13,13–42 – Paulus kann in der Synagoge von Pisidien einen geordneten Vortrag halten.). Wir sehen aber auch, dass die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge nicht immer ausreichend ist, um Menschen zu erreichen. Gottes Macht besiegt dunkle Mächte und ermöglicht so Befreiung und Veränderung (Apostelgeschichte 13,6–12 – Der Zauberer Elymas wird vorübergehend mit Blindheit geschlagen). Und wir sehen, wie das Evangelium Grenzen überwindet und Gemeinschaft ermöglicht (Apostelgeschichte 16,23–34 – Der Kerkermeister lädt Paulus und Silas zum Essen ein.).

Wir können also drei Sichtweisen auf das Evangelium unterscheiden:

  • Das Evangelium befreit Menschen aus Lüge und Dunkelheit, und schenkt ihnen Wahrheit und Licht.
  • Das Evangelium befreit Menschen aus der Schande der Sünde, und bekleidet sie mit Ehre vor Gott.
  • Das Evangelium befreit Menschen aus der Angst der Bedeutungslosigkeit, und schenkt ihnen das Recht auf heilige Gemeinschaft mit Gott und mit Glaubensgeschwistern.

Diese drei Sichtweisen auf das Evangelium geben uns unterschiedliche Möglichkeiten, Menschen mit dem Evangelium anzusprechen. Lange war in unseren freikirchlichen Gemeinden die erste Sichtweise auf das Evangelium auch die Vorherrschende. Der Schwerpunkt lag darauf, Menschen mit Worten und Bildern von der Wahrheit zu überzeugen. Wir setzen darauf, dass Menschen die Wahrheit erkennen, wenn wir sie nur ansprechend genug präsentieren. Also ist es das Ziel, Menschen in normale oder auch besondere Gottesdienste einzuladen. Schließlich transportieren unsere Lieder, unsere Gebete und unsere Predigten Wahrheit. Das Evangelium befreit Menschen aus Lüge und Dunkelheit, und schenkt ihnen Wahrheit und Licht.

Doch es wird immer schwieriger, Wahrheit zu erkennen und Wahrheit zu vermitteln. Es gibt viel zu viele Texte und Bilder, welche für sich beanspruchen, wahr zu sein. Wer hat noch die Zeit, alle Fakten zu checken?

Es wird also Zeit, sich mehr auf die beiden anderen Facetten des Evangeliums zu konzentrieren. Wie können Menschen Gottes Macht in ihrem Leben erfahren? Wie können wir Menschen echte Gemeinschaft bieten?

Natürlich können wir die Frage nach der Wahrheit nicht außer acht lassen. Aber wenn Christus in uns lebt, wie kann dieser Christus unseren Mitmenschen begegnen? Sehen wir uns vor allem als Lehrerin oder Lehrer, und versuchen, Wahrheit zu vermitteln? Ja, natürlich, Jesus hat Wahrheit vermittelt. Aber Jesus hat sich nicht auf diese eine Facette des Evangeliums begrenzt. Jesus hat Menschen befreit. Jesus hat die Macht Gottes erfahrbar gemacht. Und: Jesus hat sich mit Sünderinnen und Sündern an einen Tisch gesetzt und hat mit ihnen gegessen. Jesus hat mit den Menschen Gemeinschaft gepflegt.

Wie wollen wir unseren Mitmenschen das Evangelium vermitteln?

Ja, diese Welt hat ein Recht darauf, die Wahrheit zu hören. Deshalb präsentieren wir die Wahrheit des Evangeliums. Wir verfassen Predigten und andere Texte. Wir verteidigen unseren Glauben an Jesus Christus mit Argumenten. In unserer westlichen Kultur haben diese Methoden lange funktioniert. Aber unsere Gesellschaft ändert sich.

Mehr und mehr empfinden Menschen eine Ohnmacht, aus der sie nicht mehr herausfinden. Diese Welt ändert sich in einem Tempo, bei dem man nur sehr schwer mithalten kann. Wer nicht mithalten kann, fühlt sich allein gelassen, und gibt sich vielleicht sogar selbst die Schuld. Dieses Gefühl, abgehängt zu sein, macht auch etwas mit dem eigenen Selbstwertgefühl. Das Evangelium hingegen gibt Menschen ihren Wert zurück. Menschen bekommen einen Ausweg aus ihrer Angst. Sie können die verändernde und erneuernde Kraft Gottes kennenlernen. Hier sind wir herausgefordert, mit den Menschen zu beten, für ihre Seele zu sorgen und mit ihnen zusammen auf Gott zu vertrauen, der Wunder tut. Vielleicht ist aber auch professionelle Hilfe nötig, um neues Verhalten einüben zu können. Das Evangelium befreit Menschen aus der Schande der Sünde, und bekleidet sie mit Ehre vor Gott.

Obwohl wir heute mit Menschen aus aller Welt verbunden sind, nimmt die Zahl der Einsamen unaufhaltsam zu. Denn unsere modernen Medien fördern eine dunkle Seite in uns: Wir stellen uns gerne schöner, besser und erfolgreicher dar, als wir wirklich sind. Digitale Medien helfen uns dabei. Doch am Ende leben wir in einer Scheinwelt, die uns einsam zurück lässt.

Das Evangelium richtet sich an die Einsamen. Gott lädt uns ein in die Gemeinschaft mit ihm. Gott lockt uns nicht mit einer Scheinwelt, sondern Gott gibt uns Anteil am Erbe. Wenn Christus in uns ist, dann können wir Menschen in diese Gemeinschaft mit Christus einladen. Diese Facette des Evangeliums setzt bei der Gemeinschaft an. Wir können ja nicht nur gemeinsam mit anderen essen. Wir können mit anderen Brettspiele spielen. Wir können mit anderen zusammen Dinge reparieren. Wir können wandern, Radfahren oder andere Ausflüge machen. Wir gehen gemeinsam ins Museum, ins Kino oder ins Theater. Auf diesen Wegen miteinander bekommen wir Gelegenheit, unsere Liebe für andere Menschen zur Tat werden zu lassen (Johannes 13,34–35). Das Evangelium befreit Menschen aus der Angst der Bedeutungslosigkeit, und schenkt ihnen das Recht auf heilige Gemeinschaft mit Gott und mit Glaubensgeschwistern.

Paulus hat das Evangelium als Wahrheit gepredigt, denn Christus ist wahrhaftig auferstanden. Paulus hat das Evangelium als Kraft Gottes gepredigt, denn uns sind unsere Sünden vergeben. Durch den Heiligen Geist führen wir einen geistlichen Kampf, damit Gottes Einfluss in unserem Leben wächst. Paulus hat das Evangelium so gepredigt, dass es die Gemeinschaft zwischen Menschen erneuert, weil sich diese Menschen auf Gott ausrichten. Christus ist das Haupt der Gemeinde. Gemeinschaft entsteht nicht nebenbei, weil wir uns eine Gemeinde gesucht haben, in der wir uns wohlfühlen. Das Evangelium stellt Gemeinschaft wieder her, weil wir ein Teil von Jesus Christus sind.

Wenn wir also das Evangelium weitergeben, dann können wir an unterschiedlichen Stellen ansetzen. Wir kommen mit der Wahrheit, um Menschen die Augen zu öffnen. Wir kommen aus der Kraft Gottes, um Menschen die Vergebung ihrer Sünden erleben zu lassen. Wir erneuern die Gemeinschaft, weil wir gemeinsam Anteil am Erbe haben. So nimmt Jesus Christus uns in seinen Dienst.


Martin Pusch – Predigt gehalten am 11. Oktober 2026.