Galater 1,3–5 – Jesu Tod am Kreuz – Drei Perspektiven
Bibeltext (BasisBibel)
3 Wir wünschen euch Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. 4 Der hat sich selbst für unsere Sünden hingegeben. Dadurch hat er uns aus dieser Welt gerettet, die vom Bösen beherrscht wird. So wollte es unser Gott und Vater. 5 Er regiert in Herrlichkeit für immer und ewig. Amen.
Predigt
Es ist noch nicht lange her, da haben wir am Karfreitag daran gedacht, dass Jesus für uns gestorben ist. Wir sagen auch, dass Jesus sich für uns als Opfer hingegeben hat. Aber wenn es darum geht, zu erklären, wie genau dieses Opfer funktioniert, wird es für uns oft schwierig. Ich möchte diese und auch die nächsten Predigten deshalb auf dieses Thema verwenden.
Das Alte Testament nutzt viele unterschiedliche Worte für Opfer. Da gibt es Schlachtopfer, Brandopfer, Schuldopfer, Sündopfer, vollständig verbrannte Opfer, gemeinsam verzehrte Opfer oder solche, die von den Priestern allein gegessen werden. Für all dies gibt es jeweils eigene Begriffe. Hinzu kommen noch unblutige Opfer wie die Weihegabe oder die Erstlingsfrüchte.
Es wird also wohl kein einzelnes Opfer aus dem Alten Testament für sich allein der gedankliche Vorläufer für das Opfer von Jesus am Kreuz sein. Mit seinem Tod am Kreuz erfüllt Jesus also kein einzelnes Opfergesetz. Trotzdem schreibt Paulus an die Galater: "Jesus Christus hat sich selbst für unsere Sünden hingegeben. Dadurch hat er uns aus dieser Welt gerettet, die vom Bösen beherrscht wird. So wollte es unser Gott und Vater." (Vers 4).
Wenn Jesus Christus mit seinem Tod den Willen Gottes erfüllt hat – ist denn dieser Wille Gottes bereits irgendwo im Alten Testament zu erkennen?
Bei der Suche nach Antwort stoßen wir auf eine interessante Stelle:
Der Mensch, der eine Sünde begeht, der wird sterben. Weder muss der Sohn die Schuld seines Vaters noch der Vater die Schuld seines Sohnes verantworten. Der Gerechte erfährt die Folgen seiner Gerechtigkeit, der Frevler muss die Folgen seiner Bosheit tragen. (Hesekiel 18,20)
Jeder Mensch muss also die Folge seiner Schuld selbst tragen. Ein Sohn kann nicht die Schuld seines Vaters übernehmen. Auch umgekehrt geht es nicht. Wie übernimmt dann Jesus unsere Schuld durch seinen Tod am Kreuz, wenn doch jeder seine Schuld selbst tragen muss?
Nun, das, was Hesekiel sagt, hat seinen Grund. Tatsächlich finden wir im Alten Testament Berichte von Vätern, die einen ihrer Söhne opferten. Was sie damit erreichen wollten, bleibt offen. Einer dieser grauenvollen Väter war König Ahas (2. Könige 16,3), ein anderer war König Manasse (2. Könige 21,6). Beide waren Könige von Juda, die also in Jerusalem regierten. In beiden Fällen liegt die Initiative für das Opfer klar bei dem jeweiligen Vater. Es war nicht der Sohn des Königs, der sich selbst in irgendeiner Weise opferte, um damit seinem Vater zu helfen. Diese unglücklichen Söhne wurden als Opfer benutzt. Und ich denke, dass wir hier auf die richtige Spur kommen:
Die meisten Opfer im Alten Testament sind unfreiwillig in ihrer Rolle. Die Ochsen, Widder, Lämmer und Ziegen werden geopfert, und suchen sich dieses Schicksal nicht selbst aus. Gott will nicht, dass ein Sohn die Schuld seines Vaters tragen muss, also von seinem Vater in die Rolle des Opfers gezwungen wird. Was ist aber, wenn jemand freiwillig für einen anderen Menschen die Schuld übernimmt? Tatsächlich ist dies eine völlig andere Situation.
Nun haben wir in unserer deutschen Sprache ein kleines Problem. Das Wort "Opfer" kann für eine freiwillige Gabe stehen, die jemand bringt. Dasselbe Wort "Opfer" wird aber auch gebraucht, wenn jemand bei einem Unfall oder bei einem Raub geschädigt wird. In der französischen und auch in der englischen Sprache gibt es hierfür unterschiedliche Worte: victim, sacrifice und offering (Englisch), oder victime, sacrifice und offrande (Französisch). Ich bleibe mal bei den englischen Begriffen, die einem Teil von Euch wohl geläufiger sind:
- Victim meint jemanden, der durch Gewalt geschädigt wird.
- Sacrifice bezeichnet ein Opfer, welches Dank ausdrücken, Versöhnung bewirken oder Wiedergutmachung erreichen soll.
- Offering ist eine freiwillige Gabe, ein Geschenk an jemanden.
Wir sagen ja, dass Jesus sich für uns geopfert hat. Wie verstehen wir dieses Opfer? Ist Jesus Victim, also ein Opfer von den Machenschaften der religiösen Führer seiner Zeit? Ist Jesus Sacrifice, wurde also geopfert, um Versöhnung zu bewirken? Ist Jesus Offering, hat sich also aus freien Stücken hingegeben? Am Ende stellen wir fest: Alle drei Aspekte sind im Kreuzestod von Jesus enthalten.
Sehen wir uns unseren Text aus dem Galaterbrief an: "Jesus Christus hat sich selbst für unsere Sünden hingegeben." (Vers 4) Sich selbst aus freien Stücken hinzugeben, das entspricht dem Aspekt Offering. "Dadurch hat er uns aus dieser Welt gerettet, die vom Bösen beherrscht wird." Das Opfer von Jesus sollte etwas bewirken, und es geschieht zugunsten von anderen. Dies entspricht dem Aspekt Sacrifice. Der Aspekt Victim, also ein Opfer von Gewalt gewesen zu sein, kommt hier, in dem kurzen Text aus dem Galaterbrief, nicht zur Sprache. Diese Perspektive begegnet uns aber in anderen Texten – vor allem im Handlungsablauf der Passionsberichte in den Evangelien.
Jeder dieser Aspekte ist wichtig, hat also sein eigenes Gewicht. Als Beispiel nehme ich die Perspektive Offering, also dass Jesus sich selbst aus freien Stücken hingegeben hat. Um mehr Licht auf diesen Aspekt zu lenken, müssen wir uns das Leben von Jesus ansehen. Wir müssen uns auch ansehen, was Jesus über sich selbst sagt. Beispielsweise sagt Jesus bei seiner Gefangennahme, nach dem Bericht im Matthäus-Evangelium:
53Weißt du nicht, dass ich meinen Vater um Hilfe bitten kann? Dann schickt er mir sofort mehr als zwölf Legionen Engel.54Aber wie könnte sich dann erfüllen, was in der Heiligen Schrift steht? Es muss doch alles so kommen. (Matthäus 26,53–54)
Wir sehen: Jesus hätte einen Ausweg aus dem Tod gehabt. Jesus hätte seinen Vater um Hilfe bitten können. Dann hätte der Vater eine Rettungsmission veranlasst. Aber gleichzeitig will Jesus auch, dass sich erfüllt, was in der Heiligen Schrift steht. Also bittet Jesus am Ende seinen Vater eben nicht um Hilfe, sondern er lässt sich gefangen nehmen.
Trifft Jesus hier eine völlig freiwillige Entscheidung? Ist sein Opfer also Offering? Oder sieht Jesus sich zu dieser Entscheidung gezwungen, weil ja doch alles so kommen muss? Damit wäre Jesus vielleicht Victim, also Opfer eines Plans. Doch bevor wir vorschnell eine Entscheidung treffen, müssen wir uns ansehen, wie Jesus den Willen des Vaters versteht. Muss Jesus alles tun, was der Vater von ihm erwartet? Oder kann Jesus alles tun, was der Vater von ihm erwartet?
Je nachdem, wie wir diese Frage entscheiden, hat dies auch Auswirkungen darauf, wie wir unseren Glauben leben. Schließlich folgen wir ja dem Vorbild von Jesus. Sehen wir uns in der Vicitim-Situation, beugen wir uns also der Macht Gottes? Oder sehen wir unser Leben als Sacrifice – wir geben unser Leben hin als ein Opfer, das etwas bewirken soll? Könnten wir sogar so weit gehen, unser Leben als Offering zu sehen, unser Leben also an andere zu verschenken?
Wie gestalten wir unser Leben? Hier eine Antwort zu finden, ist unsere wichtigste Aufgabe. Wir studieren das Leben und das Opfer von Jesus Christus nicht einfach als ein interessantes theoretisches Beispiel. Als Jüngerinnen und Jünger von Jesus Christus wollen wir seinem Beispiel folgen. Aber: Sehen wir uns vor allem in der Victim-Situation, betonen wir vielleicht, auf was wir alles um Jesu Willen verzichten müssen. Unser Glaube an Jesus kostet uns etwas. Sehen wir uns eher in der Sacrifice-Situation, liegt unser Focus auf dem, was unser Leben an Gutem bewirken kann – für andere Menschen, aber auch für uns selbst, weil Jesus uns belohnen wird. Die wenigsten Fragen stellen wir uns vermutlich, wenn wir unser Leben mit Jesus als ein Leben für andere sehen. Dann wird unser Leben ein Opfer im Sinne von Offering - ein freiwilliges Geschenk für Gott, welches ihm ganz zur Verfügung steht.
Solche Fragen tauchen auf, wenn wir tiefer über das Opfer nachdenken, welches Jesus Christus für uns gegeben hat. Hier kann uns die Unterscheidung der drei Aspekte helfen, die in anderen Sprachen angelegt ist. Das, was in unseren deutschsprachigen Bibeln durchweg mit "Opfer" übersetzt ist, hat tatsächlich mehrere Bedeutungsebenen: Opfer von Gewalt (Victim), Opfer als Hingabe, die etwas bewirken soll (Sacrifice), Opfer aus freien Stücken (Offering).
Wenn wir die Bibel lesen (und ich gehe davon aus, dass Ihr das tut), müssen wir bei den einzelnen Aussagen der Bibel genau hinschauen. Welcher Aspekt des Opfers von Jesus Christus steht jeweils im Vordergrund? Was hat dies für Folgen für mein eigenes Leben? Denn der Reichtum der Schrift liegt nicht darin, dass alle Autoren genau dasselbe sagen. Der Reichtum der Schrift ist eher zu vergleichen mit unterschiedlichen Tönen, die gemeinsam einen vollen Akkord ergeben.
Ich möchte schließen mit einigen Versen aus Jesaja 53, einem Text, den wir heute als prophetischen Text auf Jesus hin verstehen. In diesem Text leuchten alle drei Perspektiven auf das Opfer von Jesus Christus auf:
3Er wurde von den Leuten verachtet und gemieden. Schmerzen und Krankheit waren ihm wohl vertraut. Er war einer, vor dem man das Gesicht verhüllt. Alle haben ihn verachtet, auch wir wollten nichts von ihm wissen.(Vers 3: Victim, Opfer von Gewalt.)
4In Wahrheit hat er unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich genommen. Wir aber hielten ihn für einen Ausgestoßenen, der von Gott geschlagen und gedemütigt wird.5Doch er wurde gequält, weil wir schuldig waren. Er wurde misshandelt, weil wir uns verfehlt hatten. Er ertrug die Schläge, damit wir Frieden haben. Er wurde verwundet, damit wir geheilt werden.6Wir hatten uns verirrt wie Schafe. Jeder kümmerte sich nur um seinen eigenen Weg. Aber der Herr lud all unsere Schuld auf ihn.(Verse 4–6: Sacrifice, ein Opfer, das etwas bewirkt.)
7Er wurde misshandelt, aber er nahm es hin. Er sagte kein einziges Wort. Er blieb stumm wie ein Lamm, das man zum Schlachten bringt. Wie ein Schaf, das geschoren wird, nahm er alles hin und sagte kein einziges Wort.(Vers 7: Offering, freiwillige Hingabe)
8Er wurde verhaftet, vor Gericht gestellt und zur Hinrichtung geführt. Aber wen kümmert sein Schicksal? Er wurde abgeschnitten vom Land der Lebenden. Weil sein Volk schuldig war, traf ihn der Tod.9Man begrub ihn bei den Verbrechern, bei den Übeltätern fand er sein Grab. Dabei hatte er keine Gewalttat begangen, keine Lüge war ihm über die Lippen gekommen.(Verse 8–9: Victim, Opfer von Gewalt.)
10Es war der Plan des Herrn, ihn zu schlagen und leiden zu lassen. Er setzte sein Leben für andere ein und trug an ihrer Stelle die Schuld. Darum wird er viele Nachkommen haben und lange leben. Durch ihn führt der Herr seinen Plan zum Erfolg.11Nachdem er so viel erduldet hat, wird er sich wieder sattsehen am Licht. Mein Knecht kennt meinen Willen. Er ist gerecht und bringt vielen Gerechtigkeit. Ihre Schuld nimmt er auf sich.12Darum belohne ich ihn: Mit vielen anderen gebe ich ihm Anteil an der Beute. Mit zahlreichen Leuten wird er sie sich teilen. Denn er hat sein Leben dem Tod preisgegeben und ließ sich zu den Schuldigen zählen. Er trug die Sünden von vielen Menschen und trat für die Schuldigen ein.(Verse 10–12: Sacrifice, ein Opfer, das etwas bewirkt.)
Beim Lesen der biblischen Texte entscheidet Ihr selbst, wie Ihr sie verstehen wollt. Mit meiner Predigt heute möchte ich Euch etwas an die Hand geben, was Euer Bibelstudium bereichert, Eure Beziehung zu Jesus Christus vertieft und Euch hilft, das Ziel Eures Lebens zu sehen. Dass Jesus am Kreuz für uns gestorben ist, können wir nicht einfach abhaken und zur Seite legen. Hinter dem scheinbar einfachen Wort "Opfer" ist noch so viel zu entdecken. Jesu Tod am Kreuz und seine Auferstehung von den Toten bilden das Zentrum unseres Glaubens.
Martin Pusch – Predigt gehalten am 26. April 2026.