Predigt-Blog

Hier schreibt unser Pastor Martin Pusch …

Predigt

Heute möchte ich in der Predigt einem Thema nachgehen, das uns alle irgendwie betrifft. In irgendeiner Form haben wir alle Arbeit zu tun. Meine Frage ist also: Was sagt die Bibel zum Thema Arbeit?

Wenn wir Jesus Christus nachfolgen wollen, dann gehört jeder Bereich unseres Lebens mit dazu. Unsere Arbeit ist davon nicht ausgenommen. Wenn wir arbeiten, dann tun wir das als Nachfolgerinnen und Nachfolger von Jesus Christus.

Ich formuliere es noch einmal anders. Stellen wir uns die Geschichte dieser Welt vor als eine große Erzählung. In dieser großen Erzählung ist Gott die handelnde Person. Die große Erzählung zerteilt sich in viele kleinere Handlungsstränge. Eine dieser kleineren Erzählungen umfasst Dein Leben. Die Erzählung Deines Lebens ordnet sich ein in die große Erzählung von Gott, der mit dieser Welt ein bestimmtes Ziel erreichen will. Ein großer Teil der Erzählung Deines Lebens ist von Deiner Arbeit bestimmt. Deine Arbeit ergibt dann Sinn, wenn Du sie einordnen kannst in die große Erzählung Gottes.

Genau so ist die Bibel aufgebaut. Die Bibel bildet eine große Erzählung, in welcher Gott der Handelnde ist. In dieser großen Erzählung gibt es viele kleinere Geschichten, in der einzelne Menschen vorkommen, oder ganze Familien, Stämme und Völker. Manche haben im Sinne Gottes gehandelt, während andere gegen Gott unterwegs waren. Immer wird am Ende Gottes Größe deutlich. Die große Erzählung über Gottes Plan mit dieser Welt kommt voran, trotz aller Widerstände. Gott ist am Werk. Gott arbeitet. Der erste Arbeiter, den wir in der Bibel finden, ist Gott selbst.

Gehen wir also auf die erste Seite unserer Bibel. Dort lesen wir:

Am Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. (Genesis/1. Mose 1,1)

"Am Anfang" – So beginnt die große Erzählung. Dies ist weniger eine Zeitangabe, als vielmehr eine Einordnung, oder sogar eine Überschrift. Es ist Gott, der den Anfang macht. Darum soll es in diesem Text gehen. Davon werden wir lesen.

Der biblische Text hat nicht das Anliegen, uns einen wissenschaftlichen Bericht zu geben. Es handelt sich hier um einen alten Text, der für Menschen geschrieben wurde, die vor mehr als 3000 Jahren gelebt haben. Wir dürfen also nicht den Fehler machen, unsere heutigen Fragen in diesen Text zu tragen. Die Menschen damals hatten auch Fragen – und auf diese Fragen geht der Text ein.

Warum sage ich das? Wir glauben, dass die Bibel Gottes Wort ist. Aber sie ist nicht Gottes Wort in dem Sinne, dass Gott hier vor ein paar Minuten gesprochen hätte. Die Bibel ist Gottes Wort, ja, aber sie ist es in der Gestalt eines von Menschen geschriebenen Textes. Gott spricht durch diesen Text zu uns – wenn wir uns mit diesem Text beschäftigen in einer Haltung, die auf Gott hören will. Es bleibt aber ein alter Text, und wir müssen ihn uns erarbeiten. Dabei hilft es uns natürlich, dass der Text bereits in unsere Sprache übersetzt wurde. Aber die verwendeten Bilder und die Denkweise sind deutlich geprägt von einer alten Kultur, die sich von unserer heutigen Kultur unterscheidet. Das müssen wir berücksichtigen.

Das Volk Israel hatte Nachbarn. Diese Nachbarn hatten Erzählungen über die Entstehung der Erde. Nach ihren Erzählungen begann alles mit einem Kampf unter den Göttern. Einer dieser Götter unterlag und wurde getötet. Diese Götterleiche bildete das Ausgangsmaterial von unserem Himmel und unserer Erde.

Der biblische Bericht antwortet, und sagt: Gott machte den Anfang. Gott wurde nicht durch einen Streit dazu gezwungen. Gott fasste einen freien Entschluss. Gott verwendete auch keine Überreste. Sondern Gott war völlig frei in der Gestaltung dieser Welt.

Allerdings geht es in dem biblischen Bericht nicht darum, dass Gott die Welt aus dem Nichts erschafft. Es wird überhaupt nichts zum Ausgangsmaterial gesagt, welches Gott verwendet. Gott erschafft Himmel und Erde. Das ist bereits vorausgesetzt. Das Ausgangsmaterial, was wir heute vielleicht die "Bausteine des Lebens" nennen würden, ist bereits da. Unser Bericht setzt erst ein, nachdem Himmel und Erde bereits geschaffen sind.

Der Akzent von unserem Bericht liegt auf einem anderen Gesichtspunkt. Gott ordnet das Chaos. Gott schafft einen Lebensraum. Himmel und Erde sind bereits da, aber sie sind nicht in einem Zustand, in dem sie sich nutzen lassen. Jedenfalls lassen sie sich so nicht von dem Geschöpf nutzen, welches Gott im Sinn hat. Gott bereitet die Erde für die Menschheit vor. Gott macht sich an die Arbeit. Durch den Bericht erfahren wir, wie Gott arbeitet. Wir lernen nebenbei, was Arbeit bedeutet.

Übrigens, an was denkt Ihr, wenn Ihr hier das Wort "Erde" lest? Viele von uns werden hier das Bild unseres blauen Planeten vor Augen haben, so, wie es die Besatzung von Apollo 17 im Jahr 1972 aufgenommen hat. Doch die erste Leserschaft dachte sich diese Erde nicht als Kugel. Vor über 3000 Jahren dachten die Menschen mehr an den Erdboden, auf dem sie lebten und den sie bebauten. Den Himmel stellten sie sich als eine Kuppel vor. Über dieser Kuppel war Wasser. Das wusste man, weil dieses Wasser ab und zu herunterkam, in Form von Regen. Der Erdboden schwamm ebenfalls auf Wasser. Auch das wusste man, denn wenn man nur weit genug ging, kam man an das Meer, und man sah das Wasser. Und wenn man auf seinem Stück Land ein tiefes Loch grub, stieß man ebenfalls auf Wasser. Deshalb dachte man sich, dass der Erdboden auf Säulen stehe, während sonst überall Wasser wäre.

Wir dürfen nicht den Fehler machen, und denken, dass die Menschen damals dumm gewesen wären. Nein, sie kannten ihre Umgebung, aber es gab natürlich Dinge, die sie damals noch nicht wussten. Genauso gibt es auch heute Dinge, die wir noch nicht wissen. Bevor wir uns also allzu schlau vorkommen, erinnern wir uns daran: Wir studieren diesen alten Text, weil wir lernen wollen. Deshalb lesen wir weiter:

Die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag über dem Urmeer. Über dem Wasser schwebte Gottes Geist. (Genesis/1. Mose 1,2)

"Tohu wa bohu" – das ist der hebräische Ausdruck, der hier mit "wüst und leer" übersetzt ist. "Tohu wa bohu" beschreibt die Abwesenheit von Ordnung und Struktur. Es geht also nicht um eine wissenschaftliche Beschreibung einer völlig leeren Fläche. Nein, die Aussage ist eher: Dieses Land eignet sich nicht für die Landwirtschaft. Menschen können dort nicht wohnen und leben.

An einer anderer Stelle in der Bibel werden ebenfalls die Ausdrücke "wüst" und "leer" verwendet, nämlich in einem Gerichtswort über Edom, einem Nachbarn Israels. Dort lesen wir:

Das Land liegt für alle Zeiten in Trümmern, nie wieder durchquert es jemand. 11 Eulen und Igel nehmen es in Besitz, Uhus und Raben hausen dort. Gott misst das Land mit der Messschnur und grenzt es mit dem Senkblei ab. Es soll für immer verwüstet und unbewohnbar bleiben. (Jesaja 34,10–11).

Wir dürfen nicht vergessen, dass unser Text für Menschen geschrieben wurde, die von ihrem Land leben mussten. Am Anfang war die Erde aber in einem Zustand, dass Menschen dort nicht wohnen und leben konnten. Es wuchs dort einfach nichts. Doch Gott arbeitet für die Menschheit. Gott bereitet die Erde vor, und schafft auf ihr einen Lebensraum für die Menschheit.

Gottes Geist schwebt über dem Wasser. Nun fängt Gott an, diese Welt zu ordnen, um Leben zu ermöglichen.

3 Gott sprach: »Es soll Licht werden!« Und es wurde Licht. 4 Gott sah, dass das Licht gut war, und Gott trennte das Licht von der Finsternis. 5 Er nannte das Licht »Tag« und die Finsternis »Nacht«. Es wurde Abend und wieder Morgen – der erste Tag. (Genesis/1. Mose 1,3–5)

Gott schafft Licht. Auch hier müssen wir wieder aufpassen, dass uns unser modernes Denken nicht in die Quere kommt. Gott schafft hier keine Photonen. Sondern Gott ordnet Licht und Dunkelheit. Gott schafft den Rhythmus von Tag und Nacht. Das ist der Rhythmus, den Menschen brauchen. Gott schafft strukturierte Zeit. Gott schafft eine Welt mit Potential. Übrigens schafft Gott den Rhythmus von Tag und Nacht, bevor er Sonne und Mond erschafft. Im Vordergrund steht der Gedanke, dass der Mensch einen Lebensraum braucht.

Ich springe im Text weiter nach vorn:

11 Gott sprach: »Die Erde soll frisches Grün sprießen lassen und Pflanzen, die Samen tragen! Sie soll auch Bäume hervorbringen mit eigenen Früchten und Samen darin!« Und so geschah es. 12 Die Erde brachte frisches Grün hervor und Pflanzen, die Samen tragen. Sie ließ auch Bäume wachsen mit eigenen Früchten und Samen darin. Und Gott sah, dass es gut war. (Genesis/1. Mose 1,11–12)

Wieder ist Gott an der Arbeit. Gott schafft Pflanzen, die Samen und Früchte tragen. Wir erkennen den Blick des Landwirts, der Samen aussähen und Früchte ernten will.

24 Gott sprach: »Die Erde soll Lebewesen aller Art hervorbringen: Vieh, Kriechtiere und wilde Tiere!« Und so geschah es. 25 Gott machte die wilden Tiere und das Vieh und alle Kriechtiere auf dem Boden. Er machte sie alle nach ihrer eigenen Art. Und Gott sah, dass es gut war. (Genesis/1. Mose 1,24–25)

Gott lässt die Erde Tiere hervorbringen. Das Potential ist da, die Bausteine des Lebens sind vorhanden. Gott ordnet das Potential, welches im Boden steckt. Die Tiere entstehen. Wir sehen, wie aus "tohu wa bohu" etwas Gutes entsteht, nämlich "tov". Gott sieht, dass es gut ist. Aus dem Chaos wird wird Ordnung und Schönheit. Das Wort "tov" wird in diesem Bericht ständig wiederholt. Alles wird beurteilt, und es ist gut. Mit dieser Wertung wird daran erinnert, dass Gott diese Welt als Lebensraum für die Menschheit schafft. Gott macht aus dieser Erde einen Ort, der dem Menschen dient. Das ist der Maßstab, nach welchem Gott seine eigene Arbeit beurteilt. Gottes Arbeit dient anderen.

Wie genau Gott alles geschaffen hat, das schlüsselt der biblische Bericht nicht weiter auf. Alles steckt in der Formulierung "Am Anfang", und bildet die große Überschrift. Von diesem Anfang an ist alles bereits vorhanden, aber es liegt noch völlig ungeordnet herum. Und dann beschreibt der Bericht, wie Gott das Chaos ordnet. Wenn Menschen auf dieser Erde leben sollen, dann brauchen sie diese grundlegende Ordnung. Gott schafft Ordnung – das ist Gottes Arbeit. Arbeit dient anderen. Nur weil Gott arbeitet, können Menschen das Potential dieser Erde anzapfen.

Gott beutet die Erde nicht aus. Gott schafft etwas mit Schönheit, was anderen dienen kann und ihnen dienen wird. Nebenbei sehen wir, was Arbeit ist: Arbeit ist der Weg, Kraft und schöpferische Energie für andere nutzbar zu machen. Gott ist der erste, der arbeitet. Unsere Arbeit baut auf der Arbeit Gottes auf.

Bisher hat Gott die Erde geordnet. Nun erschafft Gott die Menschheit:

26 Gott sprach: »Lasst uns Menschen machen – unser Ebenbild, uns gleich sollen sie sein! Sie sollen herrschen über die Fische im Meer und die Vögel am Himmel, über das Vieh und die ganze Erde, und über alle Kriechtiere auf dem Boden.« 27 Gott schuf den Menschen nach seinem Bild. Als Gottes Ebenbild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie. 28 Gott segnete sie und sprach zu ihnen: »Seid fruchtbar und vermehrt euch! Bevölkert die Erde und nehmt sie in Besitz! Herrscht über die Fische im Meer und die Vögel am Himmel und über alle Tiere, die auf dem Boden kriechen!« 29 Gott sprach: »Als Nahrung gebe ich euch alle Pflanzen auf der Erde, die Samen hervorbringen – dazu alle Bäume mit Früchten und Samen darin. 30 Die grünen Pflanzen sollen Futter für die Tiere sein: für die Tiere auf der Erde, die Vögel am Himmel und alle Kriechtiere auf dem Boden.« Und so geschah es. 31 Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. Es wurde Abend und wieder Morgen – der sechste Tag. (Genesis/1. Mose 1,26–31)

Bei den Nachbarvölkern Israels meinte man zu wissen, warum die Götter Menschen geschaffen hatten: Die Götter brauchten Menschen als Sklaven, um die Erde zu bebauen. Denn in der Vorstellung der Nachbarn Israels ernährten sich die Götter von den Opfern der Menschen. Für die Nachbarn Israels waren Menschen der Willkür der Götter ausgeliefert, konnten sie aber durch Opfer in eine gute Stimmung bringen.

Der biblische Bericht aus Genesis 1 spricht eine andere Sprache: Menschen sind Ebenbild Gottes. Menschen gleichen Gott. Natürlich sind Menschen nicht wie Gott. Aber Gott und Menschen können miteinander kommunizieren. Die Menschen bekommen von Gott den Auftrag, über die Erde zu herrschen. Damit setzen die Menschen fort, was Gott angefangen hat. Von Anfang an hat die Menschheit den Auftrag, diese Erde zu bearbeiten.

Mann und Frau reflektieren gemeinsam das Bild Gottes. Gemeinsam bevölkern sie die Erde. Gemeinsam bearbeitet die Menschheit die Erde, damit auch nachfolgende Generationen das Potential der Erde nutzen können. Jede neue Generation baut auf dem auf, was die vorherige Generation geordnet hat – oder aber die neue Generation muss das Chaos ordnen, was die vorherige Generation angerichtet hat. Beides hat es schon gegeben.

Wenn wir anhand von Genesis 1 über Arbeit nachdenken, sollten wir diesen Begriff recht weit auslegen. Er beinhaltet unsere Erwerbstätigkeit, aber auch Hausarbeit, Mitarbeit in Vereinen und Organisationen, Mitarbeit in der Gemeinde, oder was wir sonst noch tun. Wir investieren Zeit und Kraft, damit am Ende diese Welt wieder ein wenig geordneter und besser wird. Dabei kommt es zunächst nicht so sehr darauf an, welche Arbeit genau ein Mensch tut. Es gibt viele Möglichkeiten, dem Bild Gottes zu entsprechen und für andere zu arbeiten.

Wie geht es Dir mit Deiner Arbeit? Siehst Du Deine Arbeit als einen Auftrag Gottes für Dich? Hast Du schon herausgefunden, wie Du mit Deiner Arbeit diese Welt ein wenig besser machen kannst?

Es ist wichtig, dahin zu kommen, dass unsere Beziehung zu Gott und unsere Arbeit nicht zwei unterschiedliche Welten sind. Wir arbeiten, und folgen damit Gottes Vorbild. Wir arbeiten in Gottes Auftrag. Das gilt nicht nur dann, wenn wir in der Gemeinde mitarbeiten. Das biblische Verständnis von sinnvoller Arbeit ist viel größer und breiter angelegt. Wir investieren Zeit und Kraft, damit am Ende diese Welt ein wenig geordneter und besser wird. Dies tun wir für andere Menschen.


Martin Pusch – Predigt gehalten am 7. Juni 2026.