Johannes 20,21–23 – Gesandt, um Menschen die Freiheit zu bringen
Bibeltext (BasisBibel)
21Jesus sagte noch einmal: »Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich jetzt euch!«22Dann hauchte er sie an und sagte: »Empfangt den Heiligen Geist!23Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie wirklich vergeben. Wem ihr sie aber nicht vergebt, dem sind sie nicht vergeben.«
Predigt
Jesus ist am ersten Tag der Woche auferstanden – in unserem heutigen Sprachgebrauch ist dies der Sonntag, der Tag nach dem Sabbat. In Deutschland wird der Sonntag heute als siebter Tag der Woche gerechnet, und mit dem Samstag zum sogenannten Wochenende zusammengefasst. In der Bibel jedoch steht der Sonntag als erster Tag der Woche für den Anfang. So begann die Erschaffung der Welt an einem Sonntag. Der auferstandene Herr traf seine versammelten Jünger am Sonntagabend. Es war Kaiser Konstantin der Erste, der im Jahre 321 den "Tag der Sonne" zum verpflichtenden Feiertag machte. Als Christen können wir uns so jede Woche neu an die Auferstehung von Jesus Christus erinnern. Denn mit der Auferstehung von Jesus Christus beginnt die neue Schöpfung.
Es war am Abend dieses ersten Tages der Woche, dass Jesus bei den versammelten Jüngern erschien. Bis zu diesem Moment war Maria von Magdala die einzige Person, die den Auferstandenen bereits gesehen hatte. Jesus hatte Maria von Magdala damit beauftragt, den anderen Jüngern die Nachricht von der Auferstehung von Jesus zu überbringen.
Aus dem Bericht bei Johannes können wir entnehmen, dass jeder Jünger irgendwo zwischen Glauben und Zweifel unterwegs war. Wie mögen sie diesen ersten Tag der Woche verbracht haben? Wir wissen nur sehr wenig über diese Zeit zwischen Hoffen und Bangen. Dann, am Abend, versammeln sich die Jüngerinnen und Jünger – die meisten jedenfalls. Thomas fehlte. Sein persönlicher Weg zur Freude dauerte deshalb eine Woche länger als bei den anderen Jüngern.
Jesus begrüßt seine Jünger mit dem Friedensgruß. Außerdem zeigt Jesus ihnen die Wunden an seinen Händen und an seiner Seite. Jesus weist sich also aus. Jesus macht deutlich, dass es wirklich er selbst ist, der da vor seinen Jüngern steht.
Ich sagte bereits, dass jeder der Jünger Jesu irgendwo zwischen Zweifel und Glauben unterwegs war. Das leere Grab allein reichte nicht aus, um sie davon zu überzeugen, dass Jesus auferstanden war. Auch Maria von Magdala hatte ja den Gedanken, der Leichnam sei nur umgebettet worden. Die Jüngerinnen und Jünger von Jesus brauchten die Begegnung mit Jesus. Dann erst konnten sie ihre Zweifel hinter sich lassen. Sie wurden froh, als sie Jesus sahen.
In diese Situation hinein spricht Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern den Frieden zu: "Friede sei mit euch!" Jesus hatte diese Friedensformel bereits als Gruß gesagt, als er mitten unter seinen Jüngern erschien. Nun wiederholt Jesus diesen Satz, und verbindet ihn mit der Sendung: "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich jetzt euch!"
Von diesem Moment an haben die Jüngerinnen und Jünger von Jesus einen Auftrag. Sie sind Gesandte, so wie Jesus selbst Gesandter ist. Ein Gesandter weiß normalerweise, wer ihn gesandt hat. Er weiß, was sein Auftrag ist. Die Jüngerinnen und Jünger von Jesus hatten Jesus gründlich kennengelernt, denn sie waren mit ihm unterwegs gewesen. Aber ihr Auftrag ist ihnen in diesem Moment noch nicht ganz klar.
Für uns, die wir das Johannes-Evangelium erst viele Jahre später lesen, kommt der Auftrag von Jesus an seine Jüngerinnen und Jünger nicht überraschend. Schließlich konnten wir diese Sendung bereits in dem Gebet von Jesus entdecken, von dem uns Johannes 17 berichtet:
18So wie du mich in die Welt gesandt hast, genau so habe ich sie in die Welt gesandt.19Für sie gebe ich mein Leben hin und gehöre so ganz zu dir. Dann gehören auch sie ganz zu dir und leben in der Wahrheit. (Johannes 17,18–19)
Im Johannes-Evangelium steckt der Auftrag Jesu an seine Jüngerinnen und Jünger in dem Wörtchen "wie": "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich jetzt euch!" Ich schließe daraus: Um unseren Auftrag zu kennen, müssen wir Jesus kennen. Der Vater sendet Jesu in diese Welt. Wir lernen, wie Jesus seinen Auftrag ausführt, und lernen dadurch, für unseren eigenen Auftrag. Unser Auftrag ist keine Liste mit Punkten, die wir erledigen sollen. Sondern: Jesus ist der Weg zum Leben. Jesus hat den Weg zum Leben geöffnet. Wir selbst sind nicht der Weg, aber wir sind doch Wegweiser für andere Menschen. Unser Auftrag ist, diesen Weg zu gehen und zu kennen. Wir folgen Jesus nach, und wir begleiten andere Menschen auf diesem Weg. Jesus ist unser Vorbild. Wir sind in diese Welt gesandt, so wie Jesus in diese Welt gesandt ist.
Das Kennzeichen der Sendung von Jesus ist der Geist Gottes, der Heilige Geist. Dies wird im Johannes-Evangelium deutlich herausgearbeitet. Denn für Johannes den Täufer ist der Heilige Geist das Erkennungszeichen. Am Heiligen Geist erkennt Johannes der Täufer, wer Jesus ist:
32Weiter bezeugte Johannes: »Ich sah den Geist Gottes wie eine Taube vom Himmel herabkommen und bei ihm bleiben.33Auch ich wusste nicht, wer er ist. Aber Gott, der mich beauftragt hat, mit Wasser zu taufen, hat zu mir gesagt: ›Der, auf den du den Geist herabkommen und bei ihm bleiben siehst – der ist es. Er tauft mit dem Heiligen Geist.‹34Ich habe es gesehen und kann bezeugen: Er ist der Sohn Gottes.« (Johannes 1,32–34)
Jesus sendet seine Jüngerinnen und Jünger genau so, wie der Vater ihn selbst gesandt hat. Deshalb gibt Jesus ihnen den Heiligen Geist, indem er sie anhaucht.
Die Tatsache, dass Jesus seine Jünger anhaucht, ist ein Rückverweis auf die Erschaffung des Menschen (Genesis/1. Mose 2,7). Als Gott den Menschen erschafft, haucht Gott dem Menschen das Leben ein. Johannes stösst uns sehr deutlich darauf, dass mit Jesus die Neuschöpfung startet. So hat Johannes bereits den Anfang seines Evangeliums so gestaltet, dass er an den Bericht über Gottes Schöpfung erinnert (Johannes 1,1–5). Wenn wir einmal auf dieser Spur sind, entdecken wir weitere Details. Jesus reinigt den Tempel bereits direkt nach seinem ersten Wunder, wenn man nach der Reihenfolge im Johannes-Evangelium geht (Johannes 2,13–22). Das Chaos wird geordnet, zur Ehre Gottes – so, wie Gott es bei der Schöpfung der Welt tut. Immer wieder baut Johannes Hinweise ein. Wir sollen verstehen: Der Auftrag von Jesus Christus ist, dieser Welt neues Leben zu bringen. Das Ziel ist eine neue Schöpfung. Jesus öffnet den Weg zu neuem Leben. Um an diesem neuen Leben Anteil zu haben, müssen wir neu geboren werden (Johannes 3,3).
Im Johannes-Evangelium ist der Geist Gottes, der Heilige Geist, Synonym für das neue Leben. Der Heilige Geist ist bei Johannes keine Superkraft, welche Menschen besondere Gaben gibt. Der Heilige Geist ist das Leben. Jesus haucht seine Jüngerinnen und Jüngern mit dem Leben an.
Johannes benutzt in seinem Evangelium eine Bildersprache, und skizziert zwei Bereiche: Etwas kann "von unten" oder "von oben" sein (Johannes 8,23). Unten steht der Tod, aber das Leben kommt von oben (Johannes 3,20–21). Etwas kann "dunkel" oder "hell" sein. Das Dunkle und die Blindheit stehen für den Bereich des Todes (Johannes 9,39), während das Leben Licht ist (Johannes 8,12). Eng mit dem Licht verbunden ist der Begriff der Wahrheit (Johannes 7,18).
Wir müssen das Konzept der zwei einander entgegengesetzten Bereiche vor Augen haben, um das Johannes-Evangelium in seiner Tiefe zu verstehen. Jesus ist am Kreuz gestorben. Damit ist Jesus im Machtbereich des Todes. Dann wurde Jesus vom Vater zum Leben auferweckt. Damit hat Jesus den Machtbereich des Todes verlassen und hat den Weg zum Leben eröffnet. Vor Jesus gab es keinen Weg vom Tod zum Leben. Auch als Jesus den Lazarus von den Toten auferweckt, verlässt Lazarus damit nicht den Machtbereich des Todes. Später ist Lazarus wieder gestorben.
Erst mit der Auferstehung von Jesus Christus gibt es einen Weg aus dem Machtbereich des Todes hinein in den Machtbereich des Lebens. Jesus selbst ist der Weg zum wahren Leben. Die Sendung von Jesus ist es, dieser Weg zu sein und uns diesen Weg zu zeigen. Das Ziel dieses Weges ist das wahre Leben, welches in Gott ist. Jesu Weg darf zu unserem Weg werden. Jesus ist für uns gestorben, damit wir seinen Weg gehen können.
In Vers 23 nun redet Jesus von der Sünde und ihrer Vergebung. Hier ist es wichtig, dass wir nicht unser eigenes Verständnis des Wortes "Sünde" in den Text hineinlesen. Hier sind keine einzelnen Taten gemeint. Auch hier steht wieder der Gedanke von zwei Bereichen im Hintergrund. Das Wort "Sünde" kennzeichnet Menschen, die sich im Machtbereich des Todes befinden. Jesus öffnet den Weg aus der Sünde in das Leben. Solange wir Sünde als schlechte Taten verstehen, könnten wir auf die Idee kommen, dass Jesus uns hilft, bessere Gewohnheiten zu entwickeln. Doch damit tragen wir unsere eigene Auffassung von Sünde zurück in den Text, und verstehen nicht mehr, was Johannes uns vermitteln will: Es ist Sünde, nicht erkennen zu können oder zu wollen, dass Jesus von Gott in diese Welt gesandt wurde. Ich zeige Euch ein paar ausgewählte Beispiele:
Jesus ist das Lamm Gottes, welches die Sünde der Welt wegnimmt (Johannes 1,29). Das sagt Johannes der Täufer über Jesus.
Im achten Kapitel des Johannes-Evangeliums sagt Jesus seinen Zuhörern:
»Ich gehe fort, und dann werdet ihr mich suchen. Aber ihr werdet in eurer Sünde sterben. Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht kommen.« (Johannes 8,21)
Im Hintergrund steht wieder das Bild von zwei Bereichen. Die Menschen sind im Bereich der Sünde. Jesus wird vom Tod zum Leben gelangen – das kündigt Jesus hier bereits an. Da Jesu Zuhörer nicht bereit sind, seine Sendung anzuerkennen, können sie nicht zum Leben gelangen. Sie werden in ihrer Sünde sterben. Das sagt Jesus recht deutlich und überraschend ausführlich:
24… Wenn ihr nicht glauben wollt, dass ich es bin, werdet ihr eben in euren Sünden sterben. (Johannes 8,24)
Wer nicht an Jesus glauben will, lebt in der Sünde. Er kann trotzdem ein netter Nachbar sein, und ein ordentliches Leben führen. Sünde ist hier nicht moralisch verstanden.
Ich komme zurück zum Vers 23. Hier in der BasisBibel besteht dieser Vers aus zwei genau parallelen Sätzen: "Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie wirklich vergeben. Wem ihr sie aber nicht vergebt, dem sind sie nicht vergeben." Einmal ist das, was Jesus sagt, positiv formuliert, und einmal ist es negativ formuliert. Doch der griechische Text sieht etwas anders aus. In den beiden Halbsätzen werden unterschiedliche Verben verwendet. Eine bessere Übersetzung könnte so lauten:
Welchen immer ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen, welchen immer ihr (sie) festhaltet, (für die) sind sie festgehalten. (Vers 23)
Ich möchte erläutern, zu welchem Verständnis dieses Textes ich gelangt bin. Dass hier Sünde nicht als moralische Verfehlung aufgefasst ist, habe ich bereits erklärt. "Sünde" steht dafür, nicht an den Christus zu glauben. Jesus nicht zu finden, bedeutet: "Ihr werdet in eurer Sünde sterben." (Johannes 8,21) Wenn nun ein Mensch aufgrund des Zeugnisses der Jünger zum Glauben an Jesus Christus als dem Sohn Gottes kommt, verlässt er den Bereich der Sünde und des Todes. Wo dies allerdings nicht der Fall ist, bleibt der Mensch im Bereich der Sünde und des Todes.
Beide Vorgänge sind als aktive Tat der Jünger in Bezug auf die Sünden der Menschen formuliert. Das macht diesen Vers etwas verwirrend. Die Jüngerinnen und Jünger erlassen Menschen ihre Sünden, oder sie halten Menschen diese Sünden fest. Vielleicht hilft es, hier einen Blick zurück auf die Sendung von Jesus zu werfen:
34… Amen, amen, das sage ich euch: Wer Schuld auf sich lädt, ist ein Sklave der Schuld.35Ein Sklave gehört nicht für immer zur Familie, aber der Sohn gehört für immer dazu.36Wenn also der Sohn euch frei macht, seid ihr tatsächlich frei. (Johannes 8,34–36)
Jesus macht Menschen frei von der Sünde. Nun sind die Jüngerinnen und Jünger von Jesus in seinem Auftrag unterwegs. Sie befreien Menschen aus dem Bereich der Sünde und des Todes. Wer immer sich durch die Jüngerinnen und Jünger von Jesus aus den Sünden befreien lassen will, der wird frei sein. Das Gegenteil ist aber auch wahr. Wer die Wahrheit nicht erkennen will, der wird Sklave der Sünde bleiben.
Wie schon gesagt, besteht die Sünde darin, nicht an Jesus zu glauben. Jesus ist vom Vater in diese Welt gesandt worden. Wer dies nicht glaubt, ist im Bereich der Sünde, und nicht im Bereich der Wahrheit.
Wie ist Jesus selbst mit denen umgegangen, die ihm seine Sendung nicht glauben wollten? Jesus sagt ihnen:
26Ich könnte noch viel über euch sagen und in vieler Hinsicht über euch urteilen. Aber der, der mich beauftragt hat, ist die Wahrheit selbst. Und ich sage der Welt das weiter, was ich von ihm gehört habe. (Johannes 8,26)
Jesus hat die Menschen nicht verurteilt. Jesus steht für die Wahrheit ein. Jesus hat weiterhin unterstrichen, dass er selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Das ist es, was die Welt wissen muss. Jesu Auftrag richtet sich nicht gegen die Welt. Aber die Wahrheit steht im Gegensatz zur Sünde. Die Wahrheit ist, dass Jesus vom Vater in diese Welt gesandt ist. Genauso sendet Jesus uns. Als Jüngerinnen und Jünger von Jesus sind wir der Wahrheit verpflichtet, und damit auch der Ehrlichkeit, der Offenheit und der Transparenz. Schließlich hat Jesus Christus uns frei gemacht von der Sünde. Wir gehören nun zu Gott, und damit zum Leben.
Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Für uns ist dies ein Ansporn, echt und authentisch mit Gott unterwegs zu sein. Schließlich können wir schlecht von der Wahrheit reden, und haben dabei selbst Dinge zu verstecken. Am Ende würden wir zwar vom Leben reden, doch niemand würde mit uns tauschen wollen, weil dieses Leben eben nicht echt ist.
Ich verstehe den Vers 23 so, dass Jesus uns wirklich seine Sendung übertragen hat. Wir sind nun Trägerinnen und Träger der Guten Nachricht. Jesus gibt uns seinen Geist – wir sind also nicht allein unterwegs. Aber wir sind die sichtbaren Boten, die den Menschen begegnen. Die Art, wie wir selbst die gute Botschaft in unser Leben integrieren, beeinflusst am Ende auch die Botschaft an sich. Wir können ehrliche und glaubhafte Boten sein. Vielleicht passt bei uns aber auch der Sonntag nicht zum Alltag. Wir können offen sein für andere Menschen und ihre Nöte. Vielleicht speisen wir sie aber auch ab mit frommen Worten.
Mache es Dir wieder neu bewusst: Wenn Du glaubst, dass Jesus in diese Welt gekommen ist, um Dich frei zu machen, dann bist Du wirklich frei. Den Machtbereich der Sünde und des Todes hast Du bereits verlassen. Richte Dich ein im Leben und in der Wahrheit! Halte fest am Wort, an der Guten Nachricht, und lass den Heiligen Geist an Dir arbeiten! Gott ist dabei, diese Welt neu zu schaffen. Deshalb sendet Jesus Dich zu den Menschen. Dein Auftrag ist, Menschen aus dem Bereich der Sünde und des Todes zu befreien. Dies wird gelingen, wenn Menschen in Deinem Leben Jesus erkennen können. Jesus ist an seinen Wunden zu erkennen.
Martin Pusch – Predigt gehalten am 12. April 2026.