Kolosser 3,12–15 – Berufen und neu eingekleidet
Bibeltext (BasisBibel)
12Gott hat euch als seine Heiligen erwählt, denen er seine Liebe schenkt. Darum legt nun das neue Gewand an. Es besteht aus herzlichem Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld.13Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorwirft. Wie der Herr euch vergeben hat, so sollt auch ihr vergeben!14Vor allem aber bekleidet euch mit der Liebe. Sie ist das Band, das euch zu vollkommener Einheit zusammenschließt.15Und der Friede, den Christus schenkt, lenke eure Herzen. Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Und dafür sollt ihr dankbar sein!
Predigt
Das dritte Kapitel dieses Briefes an die Kolosser startet mit einer Voraussetzung: Wir sind mit Christus zu einem neuen Leben auferweckt. Die Handlung der Taufe bildet diese Wirklichkeit nach: Für diese Welt sind wir tot. Wir stehen mit Christus zu einem neuen Leben auf. Jesus Christus war der Erste, der von den Toten auferstanden ist zu neuem Leben. Der Erste, der Anfang, das Haupt – das ist im Hebräischen alles derselbe Gedanke. Wir folgen Christus nach. Wir sind also mit dem Haupt verbunden. Deshalb sind wir der Leib von Jesus Christus. Und dieser Leib braucht Kleidung, die eben typisch für Jesus Christus ist.
Deshalb lässt Paulus mehrere Aufforderungen folgen: Streckt Euch nach dem aus, was oben ist. Tötet Merkmale ab, die noch von Eurem alten Leben her an Euch kleben. Legt die Kleider ab, die Euch in Eurem alten Leben kennzeichneten.
In unserem Abschnitt heute kommt nun die Aufforderung, die neue Kleidung anzuziehen. Eigentlich startet der Text sogar mit dieser Aufforderung. In der BasisBibel wurde der Text umgestellt, um ihn leichter lesbar zu machen. Die Aufforderung: "Zieht nun an" steht im griechischen Text ganz vorn.
Dann schreibt Paulus seinen Lesern, dass sie bereits von Gott erwählt sind. Wir sind von Gott geheiligt. Wir sind von Gott geliebt. Das ist bereits so, bevor wir überhaupt aktiv werden. Es ist wichtig, dass wir diesen Teil verstehen, und erst dann weiterlesen.
Die Aufforderung von Paulus an uns hat nicht das Ziel, unseren Status bei Gott zu verbessern. Unser neues Leben ist ja bereits gestartet, und wir können nicht lebendiger als lebendig werden. Gott hat uns zu Heiligen gemacht. Gott liebt uns. Das alles hat Gott bereits getan, bevor wir überhaupt diese Kleidung anziehen, die zu unserem neuen Status passt. Wir werden also nicht zu Heiligen, weil wir die von Gott bereitgestellte neue Kleidung anziehen. Nicht die neue Kleidung heiligt uns, sondern Gott hat uns bereits als seine Heiligen erwählt.
Weil wir nun zu Gott gehören, legen wir das neue Gewand an. Solche eine Liste mit positiven Eigenschaften nennt man einen Tugend-Katalog. Diese Eigenschaften kennzeichnen unser neues Wesen als Teil von Jesus Christus.
Die Eigenschaften kommen paarweise, denn dies war damals so üblich. Diese Eigenschaften sind Paulus nicht einfach so eingefallen. Die ersten beiden Begriffe, herzliches Erbarmen und Güte, sind Eigenschaften von Gott selbst.
Wir lesen im Alten Testament, dass Mose Gott mit seinem Namen anrief, und dabei Gottes Eigenschaften nannte:
6Der Herr ging an ihm (Mose) vorüber. Mose rief: »Herr, Herr, Gott! Du bist reich an Barmherzigkeit und Gnade, unendlich geduldig und voller Güte und Treue. (2. Mose 34,6)
Paulus drückt hier mit griechischen Worten einen hebräischen Gedanken aus: herzliches Erbarmen ist eine Gefühlsregung, die aus dem Innerem kommt. Das hebräische Wort für Erbarmen hängt mit dem Wort "Mutterschoß" zusammen. Gott ist reich an Barmherzigkeit. Wir kleiden uns in Barmherzigkeit.
Direkt mit der Barmherzigkeit verbunden ist die Güte, eine weitere Eigenschaft Gottes. Wenn wir uns in Güte kleiden, sind wir gnädig gesinnt. Wir sind freundlich, wohlwollend und nachsichtig. Wir machen unsere Zuwendung zu anderen Menschen nicht davon abhängig, ob sie auch so denken wie wir. Jesus hatte uns daran erinnert, dass Gott es über Gerechte und Ungerechte regnen lässt, hier also keinen Unterschied macht (Matthäus 5,45). Diese Großzügigkeit Gottes übernehmen wir in unser Leben. Wir kleiden uns in Güte.
Das zweite Begriffspaar ist Demut und Sanftmut (oder Freundlichkeit). Im jüdischen Denken sind Demut und Sanftmut die Kennzeichen eines frommen Menschen. Im römisch-griechischen Denken jedoch wurde Demut als Unterwürfigkeit verachtet. Nach ihrer Vorstellung musste ein freier Mensch herrisch auftreten. Vielleicht hilft es, sich an die Geschichte des Volkes Israel zu erinnern. Hier gab es Zeiten, in denen sich die Menschen von Gott abgewandt hatten. Es gab Zeiten von Gefangenschaft und Exil. Der Demütige kennt seine Grenzen und weiß um seine eigene Sünde. Wir kleiden uns in Demut.
Demut ist auf einen selbst bezogen – man ist demütig. Hingegen kommt Sanftmut im Blick auf andere Personen zur Anwendung. Man ist anderen Menschen gegenüber freundlich. Jesus preist die Sanftmütigen selig (Matthäus 5,5) und sagt ihnen zu, dass sie das Erdreich besitzen werden. Jesus nimmt für sich selbst Demut und Sanftmut in Anspruch (Matthäus 11,29). Sanftmut ist eine Eigenschaft, welche vom kommenden Friedenskönig erwartet wurde:
5»Sagt zu der Tochter Zion: ›Sieh doch: Dein König kommt zu dir! Er ist freundlich und reitet auf einem Esel, einem jungen Esel – geboren von einer Eselin.‹« (Matthäus 21,5)
Demut und Sanftmut gehören eng zusammen. Gemeinsam drücken sie die Grundhaltung des Glaubens aus. Wir brauchen uns nicht mit Gewalt durchzusetzen. Gott hat sich für einen anderen Weg entschieden, denn Gott möchte die Herzen der Menschen gewinnen. Deshalb kleiden wir uns in Sanftmut.
Das letzte Element unserer neuen Kleidung ist die Langmut oder die Geduld. Auch dies ist zu allererst eine Eigenschaft Gottes. Gott hält seinen Zorn über die Sünde der Menschen zurück. Denn so kann Gott seine Güte und seine Gnade in Anwendung bringen. Als Mose Gott mit seinem Namen anrief, da erwähnte Mose auch Gottes Geduld:
6Der Herr ging an ihm (Mose) vorüber. Mose rief: »Herr, Herr, Gott! Du bist reich an Barmherzigkeit und Gnade, unendlich geduldig und voller Güte und Treue. (2. Mose 34,6)
Wir leben aus Gottes Gnade, Gottes Güte und Gottes Vergebung. Deshalb sind wir selbst zur Geduld aufgerufen. Dies ist nicht einfach nur eine Empfehlung an uns. Dass Gott uns unsere Sünden vergibt, hängt unmittelbar mit unserer eigenen Vergebungsbereitschaft zusammen (Matthäus 18,23-35). Wir vergeben Menschen ihre Schuld – das ist unsere Grundhaltung, die wir von Jesus übernehmen.
Zwei der Eigenschaften unserer neuen Kleidung werden Gott zugeschrieben: Herzliches Erbarmen und Güte. Die beiden nächsten Eigenschaften kennzeichnen Jesus als den Friedenskönig: Demut und Freundlichkeit. Dann folgt mit der Geduld eine weitere Eigenschaft, welche sowohl Gott als auch den Friedenskönig beschreibt. Gottes Geduld ermöglicht uns Vergebung und Gnade. Wir leben, weil Gott geduldig mit uns ist.
Ich möchte noch etwas zu dem Satz aus Vers 13 sagen: "Wie der Herr euch vergeben hat, so sollt auch ihr vergeben!" Diese Aufforderung geht direkt an Dich persönlich. Du sollst anderen vergeben. Aber Du darfst diesen Satz nicht dazu benutzen, um von anderen Vergebung zu erzwingen für Dinge, die Du getan hast. In der christlichen Gemeinde kann Vergebung nicht erzwungen werden. Wir können auf Vergebung nicht bestehen.
Ich nenne als Beispiel ein fiktives Ehepaar. Beide nennen sich Christen. Sie hatten eine christliche Hochzeit. Doch dann lässt einer der beiden Partner seine Stärke spielen. Er verhält sich lieblos, und wohl auch gedankenlos. Der schwächere Partner muss viel erleiden. Immer, wenn sie es doch einmal schaffen, miteinander zu reden, gelobt der stärkere Partner Besserung und bittet um Vergebung. Der schwächere Partner vergibt, und hofft, dass sich etwas ändert. Doch die Situation ändert sich nicht. Im Gegenteil, alles wird noch schlimmer. Der schwächere Partner leidet weiter, und sucht Rat in seinem Hauskreis. Dort wird ihm der Vers 13 in Erinnerung gerufen: Ertragt euch gegenseitig – ihr sollt vergeben. Aber so funktioniert es nicht. Dieser Vers ist nicht dazu gedacht, lebenslanges Leiden zu besiegeln.
Die Aufforderung, das neue Gewand anzulegen, ist eingerahmt von Gottes Liebe. Gott schenkt uns seine Liebe. Gott kommt in Christus in diese Welt und nimmt aus Liebe zu uns den Tod auf sich. Nach seiner Auferstehung verbindet sich Christus mit uns. Gott in seiner Liebe gibt alles für uns. Wenn jetzt im Text das Wort "Liebe" benutzt wird, dann ist diese Liebe nach Gottes Vorbild gemeint. Deshalb hat Paulus Eigenschaften Gottes und Eigenschaften des Friedenskönigs zusammengestellt, um uns das neue Gewand zu beschreiben. Jede Form von Egoismus ist hier ausgeschlossen.
Das neue Gewand wird von der Liebe zusammengehalten. Liebe nach Gottes Vorbild ist das Band, welches den anderen göttlichen Eigenschaften ihre Form gibt. Ohne Liebe fällt alles auseinander. Liebe sorgt für den Abschluss nach außen. Gott handelt aus Liebe. Auch uns gibt die Liebe die Motivation, unsere Eigenschaften einzusetzen. Wir handeln so, wie Gott es uns gezeigt hat. Wir setzen unser Leben ein für andere. So hält uns die Liebe als Leib von Jesus Christus zusammen.
Die Liebe wirkt nach außen. Der Friede, den Christus schenkt, wirkt nach innen. Der Friede lenkt unser Herz. Diesen Frieden machen wir uns nicht selbst. Wir reden uns hier nichts ein. Der Friede ist ein Geschenk, welches wir von Christus erhalten. Dieser Friede kommt aus unserer Beziehung zu Christus. Das Herz meint ja das Zentrum unseres Lebens, also der Ort für unsere Gefühle und unsere Werte. Hier, in unserem Innersten, wollen wir uns von Jesus Christus lenken lassen. Der Heilige Geist ist ja der Geist von Jesus Christus. Er verbindet uns mit Christus, und schenkt uns Frieden. So endet unser Text mit einem Zuspruch. Denn wir sind zu diesem Frieden berufen. Wir tragen unser neues Gewand, weil wir den Frieden von Jesus Christus zu den Menschen bringen. All die Eigenschaften, die in unserem Text heute genannt sind, haben das Ziel, Gemeinschaft herzustellen und als Gemeinschaft zu leben.
Am Ende werden wir zur Dankbarkeit aufgefordert. Wahrscheinlich ist Dankbarkeit auch etwas, was wir lernen müssen. Dankbarkeit stellt sich im Rückblick ein. Wir blicken zurück auf den Weg, den Christus bereits mit uns gegangen ist. Veränderungen in unserem Leben können wir oft erst im Rückblick richtig beurteilen. Wir sind dankbar – nicht für das, was wir besitzen, sondern für das, was Christus aus uns macht. Die Aufforderung zur Dankbarkeit zieht sich durch den ganzen Kolosserbrief. Ohne Jesus Christus hätten wir kein neues Leben. Durch unsere Dankbarkeit binden wir uns immer neu an Jesus Christus.
Wir legen ab, was uns mit unserem alten Leben verbindet. Wir ziehen Gottes Eigenschaften an, und die Eigenschaften von Jesus Christus, dem Friedenskönig. In der Gemeinde wollen wir uns gegenseitig dabei unterstützen, dass dieser Kleiderwechsel gelingt. Dies wird nur dann gelingen, wenn wir nicht vergessen, dass uns die neuen Kleider geschenkt werden. Wir machen sie nicht selbst. Wir schlüpfen hinein. Wir lernen, uns in den neuen Kleidern zu bewegen. Gottes Liebe hält alles zusammen. Der Friede von Jesus Christus gibt uns die Richtung vor. Unsere Dankbarkeit verbindet uns mit Jesus Christus.
Martin Pusch – Predigt gehalten am 18. Januar 2026.