Predigt-Blog

Hier schreibt unser Pastor Martin Pusch …

Kolosser 3,5–11 – Kleiderwechsel

Bibeltext (BasisBibel)

5 Darum tötet alles, was nur auf diese Erde gehört und euch noch in den Gliedern steckt: Unzucht, Unsittlichkeit, Leidenschaft, Lust auf Böses und Habgier, die nichts anderes ist als Götzendienst. 6 Deswegen kommt der Zorn Gottes über die Menschen, die ihm nicht gehorchen. 7 So habt auch ihr früher euer Leben geführt, als es noch von all dem beherrscht war. 8 Jetzt aber sollt ihr das alles ablegen: Zorn, Wut und Bosheit. Und es soll kein Wort über eure Lippen kommen, das andere verleumdet oder herabsetzt. 9 Belügt einander nicht. Denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Gewohnheiten ausgezogen 10 und den neuen Menschen angelegt wie ein neues Gewand. Der Schöpfer hat ihn nach seinem Bild erneuert, damit er zur Erkenntnis gelangt. 11 Wo das geschieht, spielt es keine Rolle mehr, was jemand ist: Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Fremder, Skythe, Sklave oder freier Mensch. Denn in all dem lebt Christus, und er umfasst das alles.

Predigt

Im ersten Kapitel des Kolosserbriefs hatte Paulus erklärt, dass Christus in allem der Erste ist (1,18). Christus ist der Erstgeborene aus den Toten. Christus ist nicht einfach nur zeitlich gesehen der erste, der von den Toten auferstanden ist. Christus ist das Haupt, dem der Leib folgt, genauso wie bei einer Geburt normalerweise erst der Kopf kommt, und dann der Körper folgt. Der Leib ist die Gemeinde derer, die an Jesus Christus glauben. Um Christus zu folgen, müssen wir also mit ihm verbunden sein. Wir gehen den Weg mit, den Christus geht.

Christus ist gestorben, und wurde von Gott wieder auferweckt. Wir gehen diesen Weg mit, symbolisch, in der Taufe. Wir binden uns an Jesus Christus. Wir gehen in den Tod mit ihm. Wir stehen auf zu einem neuen Leben mit ihm. Und nun fragt uns der Kolosserbrief: Von wem lässt Du Dich beherrschen? (Vers 7)

Wenn wir mit Christus zu einem neuen Leben auferstanden sind – was in dieser Welt könnte dann noch über uns herrschen? Theoretisch sollte es in dieser Welt nichts mehr geben, was uns davon abhält, uns ganz von Christus bestimmen zu lassen. In der Praxis jedoch müssen wir das neue Leben mit Christus erst einmal einüben. Deswegen fängt unser heutiger Text mit einer Aufforderung an: "Tötet alles, was nur auf diese Erde gehört und euch noch in den Gliedern steckt."

Die Begründung ist, dass wir mit Christus gestorben sind. Aber es bleibt eine tägliche Aufgabe für uns, uns aus unseren irdischen Gewohnheiten und Verwurzelungen zu lösen. Wir haben im Laufe der Zeit bestimmte Muster eingeübt. Manches wurde geradezu von uns erwartet. Jetzt müssen wir aktiv werden, um unser Leben von all dem zu lösen, was nicht zu dem neuen Leben mit Christus passt.

Das Ziel ist nicht, dass wir unseren Körper ablehnen. Wir sind irdische Wesen, und wir brauchen die Erde, um zu leben. Es geht tatsächlich um die Frage, wovon wir uns beherrschen lassen. Deswegen konfrontiert uns Paulus mit einer Liste von negativen Eigenschaften.

Paulus unterstellt den Christen in Kolossä nicht, dass sie nach dieser Liste leben. Sondern Paulus will hier einen Bereich abstecken, um über diesen Bereich reden zu können. Damals war es üblich, in solchen Aufzählungen Begriffe zu Paaren zusammenzufassen. Das eine Paar ist also Unzucht und Unsittlichkeit, während das nächste Paar Leidenschaft und Lust auf Böses ist. Die Habgier kommt ohne Partner, weswegen sie mit einer nachgeschobenen Bemerkung besonders hervorgehoben wird.

Unzucht und Unreinheit (oder Unsittlichkeit) gehören in den Bereich der sexuellen Verfehlung. Es geht hier um Ehebruch, um Prostitution und um andere Arten von sexuellem Fehlverhalten. Wer sich selbst Zügel anlegt und sich rein hält, lässt damit erkennen, dass er für sein Leben Maßstäbe und Werte hat. Fehlen diese Werte und Maßstäbe, gewinnt der Sexualtrieb die Oberhand. Wer herrscht in unserem Leben? Lassen wir uns von unserem Sexualtrieb beherrschen? Oder zügeln wir uns, weil wir Christus in unserem Leben herrschen lassen wollen?

Leidenschaft und schlechte Begierde (oder Lust auf Böses) gehören in den Bereich der Habgier. Auch hier steckt ein Trieb dahinter, nämlich der Trieb zur Selbsterhaltung. Es geht darum, niemals satt zu sein, und immer noch mehr haben zu wollen. Wir suchen Sicherheit darin, dass wir Dinge besitzen und vorbereitet sind. Leider wissen wir nie, wann wir genügend vorbereitet sind, denn wir kennen die Zukunft nicht.

Wieso legt Paulus den Schwerpunkt gerade auf Unzucht und Habgier? Die Habgier sei nichts anderes als Götzendienst, schreibt Paulus. Aber auch Unzucht wird bereits im Alten Testament als Götzendienst verstanden. Die Beziehung zwischen Gott und Israel wird mit dem Bild einer Ehe beschrieben. Israel ist Gott untreu, und begeht damit Ehebruch. Die Beziehung zu Gott wird als Partnerschaft verstanden. Wer anderen Götzen nachläuft, ist Gott gegenüber untreu. Wer Besitz ansammelt, verlagert vielleicht sein Vertrauen Stück für Stück von Gott weg. Das sind die Mechanismen, wie Unzucht und Habsucht den Menschen unfrei machen. Sie versklaven ihn.

Unsere Berufung liegt nicht darin, unsere Triebe zu bedienen. Dies will Paulus herausarbeiten. Gleichzeitig ist Paulus aber nicht dabei, neue Regeln für unser Leben aufzustellen. Sein Argument war ja, dass wir für die Elemente dieser Welt gestorben sind (2,20). Deshalb sollen wir uns keine Regeln auferlegen lassen, die uns vorschreiben, was wir alles dürfen und was nicht. Solche Regeln will Paulus uns auch nicht geben. Aber Paulus erinnert uns daran, dass wir in unserem Leben an einen Wendepunkt gekommen sind (Vers 7). Früher wurden wir von Dingen beherrscht. Jetzt leben wir mit Jesus Christus, und wollen uns ja gerade nicht mehr von anderen Dingen beherrschen lassen.

Deshalb ist es dran, Dinge abzulegen und ein neues Gewand anzuziehen. Für uns heute hat Kleidung nicht mehr dieselbe Bedeutung wie früher. Kleidung wurde früher viel länger getragen – es gab also seltener neue Kleidung. Kleidung war auch stärker mit den unterschiedlichen Ständen und Rollen verbunden. Seine Kleidung zu wechseln hatte damals also eine ganz andere Bedeutung, die für uns teilweise verloren gegangen ist. Am ehesten kennen wir es noch bei Arbeitskleidung oder bei einer Uniform: Indem ich meine Kleidung wechsle, wechsle ich auch gleichzeitig meine Rolle, meine Aufgabe, meine Identität. Ich ziehe meine Arbeitskleidung an, und bin ab jetzt im Dienst. Oder: Ich ziehe meine Uniform aus, und bin nicht mehr im Dienst. Das ist die Art Kleiderwechsel, von der Paulus hier schreibt. Es geht ihm um einen radikalen Wechsel. Unser neues Leben bedeutet auch eine neue Identität.

Paulus nennt eine Liste von alten Kleidern, die wir ablegen sollen. Bei diesen Begriffen geht es vor allem darum, wie wir mit anderen Menschen umgehen. Die Begriffe kommen wieder in Paaren daher. Zorn und Wut sind Emotionen. Diese Emotionen können ein weiteres Paar nach sich ziehen, nämlich Bosheit und Lästerung. Bosheit ist die Tat, welche anderen schadet. Lästerung geschieht mit Worten, und soll andere Menschen herabsetzen und ihnen schaden.

Wenn wir anfangen, Lügen zu erzählen, zerstören wir Gemeinschaft. Wenn wir lügen, verschließen wir uns, denn wir können keinen echten Einblick mehr gestatten. Lügen bauen Barrieren zwischen Menschen. Nun ist aber unser ganzes neues Leben auf Gemeinschaft aufgebaut. Wir leben, weil Christus lebt. Wir sind mit Christus verbunden, und gestalten unser neues Leben in ständiger Gemeinschaft mit ihm. Da hat Lüge keinen Platz mehr.

Paulus greift gedanklich zurück auf den Schöpfungsbericht. Am Anfang hat Gott den Menschen nach Gottes Bild geschaffen. Nun hat Christus das Bild des Menschen erneuert, denn Jesus hat uns den Vater bekannt gemacht. Jesus hat uns vorgelebt, wie der neue Mensch aussieht. Diesen neuen Menschen ziehen wir an, wenn wir zu Christus gehören.

Sehen wir uns zuerst an, was "neu" bedeutet. Im Griechischen gibt es zwei Ausdrücke für "neu", und beide werden hier verwendet. "Neu" (neo) meint erst einmal den zeitlichen Aspekt. Das Alte gibt es schon lange, während das Neue erst später hinzugekommen ist. Die zweite Bedeutung ist ebenfalls "neu" (kainos), aber im Sinne von einer neuen Qualität. So wird der Begriff "neu" übrigens auch in der Jahreslosung 2026 gebraucht (Offenbarung 21,5). Die Bedeutung einer neuen Qualität wird hier im Kolosserbrief noch verstärkt (durch die Vorsilbe ana), so dass die Bedeutung ist: erneuert, im Sinne von vollkommen neu (anakainoo). Das Bild des neuen Menschen wurde von Gott also vollkommen neu gemacht.

Dieser von Gott neu gemachte Mensch hat eine wichtige Eigenschaft, welche hier im Text leicht zu übersehen ist: Der neue Mensch ist zur Erkenntnis fähig. Das Ziel der Erkenntnis hat Paulus schon früher im Kolosserbrief genannt:

9 … Wir bitten Gott, dass er euch die vollständige Erkenntnis seines Willens schenkt. Das geschieht durch alle Weisheit und Einsicht, wie der Heilige Geist sie gibt. 10 Ihr sollt euer Leben so führen, dass es dem Herrn Ehre macht: Versucht ihm zu gefallen mit allem, was ihr tut. Alles Gute, das ihr vollbringt, soll Früchte tragen. Und die Erkenntnis Gottes soll bei euch zunehmen. (Kolosser 1,9-10)

Wir können immer noch weiter zunehmen in der Erkenntnis Gottes. Denn unser Leben gibt uns immer neue Anlässe, Gott noch einmal von einer neuen Seite kennenzulernen. Aber diesen Weg können wir nur gehen, indem wir uns von unserem alten Menschen verabschieden. Unsere alten Gewohnheiten halten uns davon ab, Gott zu erkennen. Deswegen müssen wir sie unbedingt ablegen.

Da, wo wir alte Gewohnheiten ablegen und den neuen Menschen anziehen, verändert sich etwas. Die Kategorien, in welche Menschen sonst eingeteilt sind, werden für uns bedeutungslos. Die Aufzählung hier im Kolosserbrief orientiert sich an Unterschieden, die man beobachten kann. Wieder kommen die Begriffe paarweise. Griechen und Juden sind kulturell unterschiedlich. Beschnittener und Unbeschnittener bezieht sich auf den religiösen Hintergrund. Der Fremde spricht eine unbekannte Sprache, während der Skythe eine unbekannte Kultur hat. Der Sklave ist in vielen Dingen nicht frei, aber auch ein freier Mensch kann sich natürlich nicht alles erlauben. Christus umfasst das alles, schreibt Paulus. In jedem dieser Menschen will Christus leben.

Im Galaterbrief (Galater 3,28) gibt es eine ähnliche Liste von Personen und ihren Kennzeichen. Dort ist die Schlussfolgerung etwas anders: Die Unterschiede zwischen den Menschen sind unwichtig, denn Christus ist in allen. Hier, im Kolosserbrief, liegt der Schwerpunkt anders: Die Unterschiede zwischen den Menschen sind da, aber in allen ist Christus gegenwärtig. Christus macht die Menschen nicht alle gleich, sondern der neue Mensch darf vielfältig gedacht werden.

Hier liegt das Geheimnis des Evangeliums. Wir dürfen uns zu Christus hin entwickeln. Dabei starten wir mit Unterschieden. Wir sind nicht deshalb in einer Gemeinde, weil wir alle so ähnlich wären. Wir sind gemeinsam in einer Gemeinde, weil wir uns dem erneuerten Bild des Menschen entsprechen wollen. Jesus Christus ist unser Vorbild.

… Durch die Verbundenheit mit Christus soll jeder Mensch als Vollkommener vor Gott treten können. (Kolosser 1,28)


Martin Pusch – Predigt gehalten am 11. Januar 2026.