Predigt-Blog

Hier schreibt unser Pastor Martin Pusch …

Psalm 145,1–21 – Dankbarkeit bringt uns in die Nähe Gottes

Bibeltext (BasisBibel)

1 EIN LOBGESANG, VON DAVID. Hoch über alles will ich dich loben, mein Gott und König! Ich will deinen Namen preisen für immer und alle Zeit. 2 Jeden Tag will ich dich preisen! Ich will deinen Namen rühmen für immer und alle Zeit. 3 Groß ist der Herr und verdient höchstes Lob. Niemand kann seine Größe erforschen. 4 Generationen sollen deine Werke rühmen und deine mächtigen Taten verkünden. 5 Die Pracht deiner herrlichen Erscheinung, die Geschichten von deinen Wundern – auch ich will darüber nachdenken. 6 Von deinen gewaltigen Taten sollen sie reden und von deinen großartigen Werken – auch ich will davon erzählen. 7 An deine unendliche Güte sollen sie erinnern. Jubeln sollen sie über deine Gerechtigkeit: 8 »Reich an Gnade und Barmherzigkeit ist der Herr, unendlich geduldig und groß in seiner Güte.« 9 Der Herr ist gut zu allen Menschen. Sein Mitleid gilt allen seinen Geschöpfen. 10 Herr, alle deine Geschöpfe sollen dich loben, und deine Frommen sollen dich preisen. 11 Von deinem herrlichen Königreich sollen sie reden und von deinen mächtigen Taten sprechen. 12 So erfahren die Menschen von Gottes Taten, von der Pracht seines herrlichen Königreichs. 13 Dein Königreich besteht für alle Zeit, deine Herrschaft von Generation zu Generation. Der Herr ist zuverlässig in allem, was er sagt. Und er ist gütig in allem, was er tut. 14 Der Herr stützt alle, die fallen, und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind. 15 Mensch und Tier halten Ausschau nach dir. Du gibst ihnen Nahrung zur richtigen Zeit. 16 Du öffnest deine wohltuende Hand, und alles, was lebt, wird davon satt. 17 Der Herr ist gerecht in allem, was er tut. Er ist gütig in allem, was er unternimmt. 18 Der Herr ist allen nahe, die zu ihm rufen – all denen, die aufrichtig zu ihm rufen. 19 Er erfüllt die Bitten der Menschen, die ihm mit Ehrfurcht begegnen. Er hört ihr Schreien und hilft ihnen. 20 Der Herr behütet alle, die ihn lieben. Doch alle Frevler vernichtet er. 21 Mein Mund soll das Lob des Herrn verkünden. Alle sollen seinen heiligen Namen preisen für immer und alle Zeit.

Predigt

Wir feiern heute das Erntedankfest. Wir sind Gott dankbar für seine Gaben. Wir führen uns vor Augen, was Gott uns schenkt. Heute denken wir vor allem an die Ernte, also an die Nahrung, die wir zum Leben brauchen. Der Wochenspruch, der aus diesem Psalm 145 gezogen ist, bringt es auf den Punkt: "Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit." (Vers 15 nach Luther 2017)

Der Psalm 145 ist ein Alphabetpsalm. Das hebräische Alphabet hat 22 Buchstaben. Der erste Vers des Psalms beginnt mit dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets. Der zweite Vers beginnt mit dem zweiten Buchstaben. Vers 13 ist in dieser Hinsicht ein Doppelvers, denn er enthält zwei Sätze, nutzt also zwei Buchstaben des hebräischen Alphabets. Deshalb hat der Psalm 145 am Ende nur 21 Verse für die 22 Buchstaben.

Warum hat sich jemand die Mühe gemacht, einen Psalm so zu schreiben, dass er wie das hebräische Alphabet aufgebaut ist? Es gibt mehrere Psalmen, die so aufgebaut sind. Die naheliegende Erklärung ist, dass man sich so den Text des Psalms leichter merken kann. Der Psalm wurde also gezielt für das Auswendiglernen geschrieben – natürlich in hebräischer Sprache.

Um diesen Psalm auswendig zu lernen, muss man ihn oft wiederholen. Diese Wiederholung ist bereits in den ersten beiden Versen angelegt: Der Beter will Gottes Namen für immer und alle Zeit preisen und rühmen. Jeden Tag möchte der Beter Gott loben. Lob und Dank ist die Antwort des Menschen auf das, was Gott tut. Dieses Lob Gottes auswendig zu lernen bedeutet, sich mit den hier niedergeschriebenen Gedanken intensiv auseinanderzusetzen.

Die hier in diesem Psalm zusammengestellten Gedanken sind in der Geschichte Israels verankert. Deutlich wird dies durch Vers 8, der ein direktes Zitat aus dem Buch Exodus darstellt (Exodus/2. Mose 34,6). Damals hatte sich das Volk Israel ein goldenes Kalb gemacht, während Mose auf dem Berg Gottes war. Noch während Mose also von Gott die zehn Worte auf zwei Steintafeln bekam, übertrat das Volk bereits die Worte Gottes. Obwohl Gott zornig auf das Volk Israel war, vernichtete Gott das Volk nicht. Gott war barmherzig. Im Anschluss hatte Mose eine spezielle Begegnung mit Gott. Es ist in diesem Zusammenhang, dass Mose Gott lobte für seine reiche Barmherzigkeit und Gnade, für Gottes unendliche Geduld und für seine Güte und Treue. Das ist der Satz, den wir hier im Psalm wiederfinden.

Das Lob von Gottes Gnade und Barmherzigkeit beruht also nicht auf gelerntem Wissen. Gottes Gnade und Barmherzigkeit ist in der Geschichte Israels verankert. Gottes Gnade und seine Barmherzigkeit haben ein Datum. Sie wurden erlebt. Es ist die Erfahrung mit Gott, welche die Grundlage des Psalms bildet.

In seinem Gespräch mit Mose bekräftigte Gott seine Bereitschaft zur Vergebung:

10 Gott sagte: »Hiermit schließe ich einen Bund! Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun. Solche Wunder sind für kein Volk auf der ganzen Erde jemals geschaffen worden. Das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, wird die Taten des Herrn sehen. Was ich an dir tun werde, wird Staunen erregen.« (Exodus/2. Mose 34,10)

Im ersten Teil des Psalms ist von den Wundern Gottes die Rede, mit denen Gott seine Größe beweist. Diese Wunder betreffen nicht nur den Beter des Psalms. Die Wunder betreffen auch nicht nur das Volk Israel. Gott sagt es ja: Seine Taten werden Staunen erregen. Gottes Taten geben uns Stoff zum Nachdenken und zum Staunen (Vers 5). Gottes Wunder sollen weitererzählt werden (Vers 6). Das Reden über Gottes Wunder zieht Kreise. Immer neue Menschen lernen Gott kennen, weil Gott Wunder tut.

Eine Sache können wir klar an der Geschichte Israels erkennen: Das Wissen um Gott wird nicht automatisch an die nächste Generation vererbt. Wir können die Taten und Wunder Gottes im Alten Testament nachlesen. Und dann entdecken wir, dass eine oder zwei Generationen später die Menschen Gott wieder vergessen haben. Wir brauchen also echtes Lob Gottes, welches in unserer persönlichen Erfahrung mit Gott verwurzelt ist. Das sind die Erfahrungen, welche die nächste Generation hören muss. Diese Erfahrungen müssen so erzählt werden, dass Gott damit groß gemacht wird.

Ich hatte ja bereits den Vers 8 besonders hervorgehoben. Die Erfahrung von Gottes Gnade und Barmherzigkeit hat das Volk Israel geprägt – auch wenn einzelne Generationen diese Erfahrungen verdrängt haben mögen. Der Vers 8 bildet vielleicht so etwas wie die gedankliche Mitte dieses Psalms. Denn nach diesem Vers verändert sich die Sprache. Das Wort "alle" kommt jetzt in fast jedem Vers vor. Das, was Gott tut, gilt allen Menschen. In vielen einzelnen Sätzen wird herausgearbeitet, dass Gottes Gnade und Barmherzigkeit nicht nur allen Menschen, sondern sogar allen Geschöpfen gilt.

In der zweiten Hälfte des Psalms, also nach Vers 8, wird Gott vor allem als König dargestellt. Dies ist bemerkenswert. Dieser Psalm ist ja David zugeschrieben, der selbst König in Israel war. Natürlich wissen wir nicht, in welcher Lebensphase David diesen Psalm geschrieben hat. Aber der Vers 13 bekommt eine besondere Bedeutung, wenn wir dabei an Gottes Bund mit David denken.

Gott hatte zu David gesagt:

16 Dein Haus und dein Königtum sollen für immer bestehen, dein Thron soll für alle Zeit fest gegründet sein (2. Samuel 7,16)

Und nun betet David zu Gott, und formuliert in Bezug auf Gott:

13 Dein Königreich besteht für alle Zeit, deine Herrschaft von Generation zu Generation. Der Herr ist zuverlässig in allem, was er sagt. Und er ist gütig in allem, was er tut. (Psalm 145,13)

David spricht hier aus seiner persönlichen Erfahrung heraus. David selbst war nicht zuverlässig und treu. David hat einen seiner treuen Soldaten in den sicheren Tod geschickt, nur weil er dessen Frau haben wollte (2. Samuel 11,1–27). Doch Gott hat David seine Schuld vergeben. Gott hat sich als zuverlässig, treu und gnädig erwiesen. David hat Gottes Gnade persönlich erfahren.

Gott ist König. Mensch und Tier leben in Gottes Königreich. Das Verständnis ist, dass ein König für sein Reich sorgt. Gott als König sorgt jedenfalls für alle, die in seinem Reich leben. Diese Aussagen beruhen auf der Erfahrung, die Generationen von Menschen mit Gott gemacht haben. Doppelte Aussagen sind dabei ein Stilmittel, um eine Aussage zu unterstreichen.

Wir lesen beispielsweise in Vers 18:

18 Der Herr ist allen nahe, die zu ihm rufen – all denen, die aufrichtig zu ihm rufen. (Psalm 145,18)

Die zweite Hälfte des Satzes soll die Aussage der ersten Hälfte nicht einschränken. Es geht hier nicht darum, bei Dir Zweifel zu sähen: War mein Gebet vielleicht nicht aufrichtig genug? Nein. Gott ist allen nahe, die zu ihm rufen. Wer zu Gott ruft, der ist aufrichtig. Alles, was wir zum Leben brauchen, erwarten wir von unserem König, also von Gott.

Derselbe Gedanke steckt auch im Vaterunser, welches wir ja immer wieder beten. Es geht bei diesem Gebet nicht darum, unsere tägliche Brotration bei Gott zu bestellen. Wir beten: "Dein Reich komme", weil wir uns als Teil von Gottes Königreich verstehen. Wir schwören Gott ewige Treue. Deshalb loben wir Gott. Gott ist uns nahe, und wir wollen ihm nahe sein.

An einer Stelle des Psalms ist vom Frevler die Rede: Der Herr vernichtet alle Frevler (Vers 20). Ein Frevler handelt mutwillig und frech gegen Gott. Mit dem Begriff "Frevler" werden Menschen bezeichnet, die sich ganz bewusst gegen Gott entschieden haben (Numeri/4. Mose 15,30–31). Im Denken des Alten Testaments gibt es für solche Menschen keine Vergebung. Das hat auch damit zu tun, dass im Alten Testament Gottes Reich und Gottes Volk oft als dieselbe Größe verstanden werden. Als Gemeinde von Jesus Christus verstehen wir Gottes Reich anders. Gottes Reich ist mitten unter uns (Lukas 17,1–37; Matthäus 25,34–40). Trotzdem bleibt es unsichtbar. Im Neuen Testament wird Gottes Reich von seinem Mittelpunkt her definiert. In der Mitte steht Jesus Christus, der sich selbst für uns geopfert hat.

Der Psalm endet mit der Aufforderung an uns selbst, das Lob des Herrn zu verkünden. Alle sollen Gottes heiligen Namen preisen, für immer. In der zweiten Hälfte des Psalms wird Gott fast durchweg als "der Herr" bezeichnet. Die Schreibweise in Großbuchstaben oder in Majuskeln zeigt uns, dass hier Gottes Name steht: Jahwe. Hier ist also von Gott als dem persönlichen Gott die Rede. Gott hat uns seinen Namen genannt. Gott hat uns gezeigt, wie er erreichbar ist. Wir dürfen eine persönliche Beziehung zu Gott haben (Deuteronomium/5. Mose 3,24). Wir dürfen Gott persönlich ansprechen. Das ist das größte Wunder.

Am Ende kennen wir das Lob Gottes schon auswendig – aber nicht deswegen, weil wir es gedankenlos wiederholen. Wir loben Gott, weil wir Gottes Taten und Wunder selbst erfahren haben. Wir reden von Gott, weil wir eine persönliche Beziehung zu ihm haben dürfen. Gott tut alles für uns. Aus Liebe zu uns ist Gottes Sohn Mensch geworden (Johannes 3,16). Wir haben allen Grund, Gott zu loben. "Mein Mund soll das Lob des Herrn verkünden." So wollen wir dazu beitragen, dass Gottes heiliger Name bekannt wird. Unser König sorgt für uns.


Martin Pusch – Predigt gehalten am 4. Oktober 2026.